Selbstzweifel

Vorab ein paar einleitende Worte der Autorin dieser Kurzgeschichte: Natürlich findet sich in „Selbstzweifel“ einiges von mir. Ich schreibe leidenschaftlich gern. Und wie die Hauptfigur Mia tue ich mich schwer, meinen Roman zu beenden. Aber nie nie nie würde ich meine Geschichten verbrennen wollen. Mias Begegnung am Strand ist mir allerdings kürzlich so ähnlich im Offenen SchreibCafé begegnet, woraufhin ich die Story ein wenig überarbeitet habe. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten – Fortsetzung folgt …

Mias Hände zitterten, als sie ihr Feuerzeug an Sol Steins Werk „Über das Schreiben“ hielt. Die Flamme war kurz davor, sich von dem Wälzer einschüchtern zu lassen. Das zischende Zitronengelb verkümmerte zu einem müden Marineblau. Die Kraft des geschriebenen Wortes war wohl stärker als die Hitze des Feuers. Kein Wunder, das Buch enthielt nicht ihre Worte, sondern die eines erfolgreichen Autors. Worte, die sie oft zum ‚besseren‘ Schreiben motiviert hatten. Worte, an die sie geglaubt hatte. Jetzt nicht mehr.

Sie warf das Buch zu den anderen Lehrbüchern in den Sand. Es prallte gegen eine Sandburg, deren Turm sofort nachgab. Sand rieselte auf die aufgeschlagenen Seiten, auf die Überschrift „Wetteifern mit Gott“. Wetteifern wollte Mia nicht mehr. Weder mit Gott noch mit sonst wem. Warum auch?

Ihre eigenen Texte würden sich leichter verbrennen lassen. Gelöscht hatte sie sie schon. Nun waren die Papiere dran. Mit gebeugtem Rücken und hängenden Schultern lief sie zu ihrem Polo zurück. Einen Meter davor blieb sie stehen, atmete tief durch und starrte auf den Deckel des Kofferraums. Möwen kreischten ihr ins Ohr, keiften mit Mias innerer Stimme um die Wette: „Ständig schreibst du nur. Für nichts und niemanden hast du Zeit. Geh lieber mehr arbeiten, wir brauchen das Geld!“

Mit beiden Händen hielt Mia sich die Ohren zu. Die Tirade ging weiter. „So kann man doch nicht schreiben, das ist Umgangssprache! Warum sind deine Geschichten immer so düster? Schreib doch mal was Schönes!“

Nichts mehr würde Mia schreiben, erst recht nichts Schönes. Schließlich gab es ‚Wichtigeres‘ zu tun im Leben. ‚Wichtiges‘, das Mia so viel leichter von der Hand ging als das Schreiben. Das ihr und ihrer Familie mehr Geld einbrachte. Wie es ihr dabei ging, interessierte niemanden. Schließlich machte ihre ‚wichtige‘ Beschäftigung sie in den Augen der anderen ‚wichtig‘. Das schien die Hauptsache im Leben ihrer Mitmenschen zu sein.

Mit einem Ruck öffnete sie den Kofferraum. Kreuz und quer verteilt lag darin der Inhalt ihres Sekretärs: ein Ordner mit ihren Kurzgeschichten, einer mit Lehrmaterialien aus verschiedenen Schreibwerkstätten, ein Hefter mit Ideensammlungen, ein Dutzend Notizblöcke und eine Mappe mit ihrem unvollendeten Roman. Vor lauter Wut hatte sie die Sachen vorhin einfach nur ins Auto geschleudert.

Nun griff sie nach ihrer roten Einkaufsbox, klappte sie auseinander und stellte sie auf den Asphalt. Wie ihr Feuerzeug gehörte die Plastikbox zum Inventar ihres alten Gefährts. Mia beugte sich über die Heckklappe und griff hinein in ihren papiernen Lebensinhalt der letzten Monate und Jahre. Die Papiere, Hefte und Bücher waren immer so geduldig gewesen, so tröstlich. Darauf wollte sie ab heute verzichten? Mias Brust zog sich zusammen. Ein dumpfer Schmerz, er würde vorüber gehen.

Tom hatte recht. Sie hatte übertrieben, dem Schreiben zu viel Zeit gewidmet, vergessen, dass es nur ein Hobby war. Aber musste er sie deshalb vor die Wahl stellen? Okay, das Geld war knapp geworden. Und schreibend würde Mia daran nichts ändern können.

Mit glasigen Augen befüllte sie die Einkaufsbox mit den wertlosen Dingen, deren Wert ihr Selbstbewusstsein bestimmten. Sie keuchte, als sie die Box hob und zum Strand hinunter schleppte. Rückengymnastik hatte der Orthopäde ihr empfohlen. Wann hätte sie das neben Haushalt, Kindern, Schreiben und Arbeiten noch tun sollen?

Am Strand erwartete Mia eine Wand aus Nebelschwaden. Das Meer hatte sich dahinter zurückgezogen. Auf der Suche nach ihrer Feuerstelle stolperte Mia über die Bücher von Sol Stein und den anderen Schreibratgebern. Die Box rutschte ihr aus der Hand. Mappen und Loseblattsammlungen landeten im Sand. Ein Zeichen? Mia nahm einen tiefen Atemzug und ging inmitten der Papiere und Bücher in die Knie. Zeit, das Ende einzuläuten. Sie verschob den Regler ihres Feuerzeugs bis die Stichflamme groß genug war, einen Wald in Brand zu setzen. Mia hielt sie an ihre Ideensammlung und hörte ihr Herz klopfen. Mit unstillbarem Hunger liebkoste die Flamme das Papier. Nach fünf Atemzügen brannte die Sammlung wie ein Lagerfeuer.

Den Wanderer bemerkte Mia, als er hinter ihr stand. Ein Hüsteln und ein Tippen auf ihrer Schulter ließen sie aufspringen und herumfahren. Vor ihr stand ein Mann mit weißer Mähne und Seemannsbärtchen. Hinter den Brillengläsern wirkten seine Augen wie Fische auf dem Trockenen.

„Ich wollte Sie nicht erschrecken, meine Liebste. Aber Sie haben mich erschreckt.“

Er zeigte auf die Flammen. „Zündeln ist hier strengstens verboten. Wegen der Brandgefahr.“

„Oh. Ich wusste nicht … Entschuldigung!“

„Kein Problem, ich habe immer alles dabei.“ Der Mann kramte ein Tuch aus seinem Rucksack und warf es über die Flammen. „Gefahr gebannt.“
 Sein Blick fiel auf die Bücher im Sand. Er ging in die Hocke und nahm den angesengten Sol Stein in die Hand. „Das schöne Buch wollen Sie verbrennen? Und das? Und das auch?“ Er blickte zu Mia hoch. „Eine Bücherverbrennung. Warum?“

Mia spürte, wie ihr Hitze ins Gesicht stieg. Der Wanderer mit den Sorgenfalten erinnerte sie an ihren Großvater. Dem einzigen Menschen, der immer ein offenes Ohr und einen guten Rat für sie gehabt hatte. Jeden Anderen würde sie jetzt wegschicken. Niemandem ging diese Aktion etwas an.

Mia setzte sich neben ihn in den Sand, sah zu Boden und rieb sich die Stirn. „Die Bücher können nichts dafür. Ich hab vorhin wohl etwas überreagiert.“

Mit der Würde eines Grabredners strich der Mann über die Buchtitel. „Bücher über das Schreiben. Ich kenne sie fast alle.“

„Schreiben Sie auch?“

„Wenn die Zeit es erlaubt.“

War das Wehmut in seiner Stimme?

„Das kenne ich.“ Sie seufzte. „Nur wird die Zeit es mir bald gar nicht mehr erlauben.“

Er stützte sich seitlich ab, setzte sich in den Sand und sah sie fragend an.

„Ich soll einen neuen Job antreten. Einen Karrierejob mit vielen Überstunden. Wir brauchen das Geld.“

„Und deshalb willst du – darf ich ‚du‘ sagen?“ Er hielt ihr die Hand hin. „Friedrich Silbernagel.“

Sie legte ihre Hand in die seine. „Gern. Mia.“

„Deshalb willst du das alles hier verbrennen?“

Mia zog die Schultern hoch. „Die Bücher wohl doch nicht. Auf jeden Fall aber den Schrott hier.“ Sie zeigte auf die übrig gebliebenen Papiere.

„Da steckt doch bestimmt viel Arbeit drin.“

„Viel zu viel Zeit habe ich ich mit diesem blöden Roman verschwendet. Was ich auch versuche, ich kriege ihn nicht rund.“
Friedrich beugte sich darüber.

„Darf ich?“

„Von mir aus können Sie ihn behalten. Dann brauche ich ihn nicht zu verbrennen. Ist hier ja eh verboten.“

„Im Ernst?“ Er drückte den Stapel Papier an seine Brust. „Es ist mir eine Ehre, dieses unvollendete Werk lesen zu dürfen.“

„Und mir eine Freude, den Mist endgültig los zu sein.“

Friedrich packte den Stapel in seinen Rucksack, verabschiedete sich und verschwand im Nebel. Mia blieb am Strand zurück, zusammen mit den Lehrbüchern. Sie fühlte sich befreit und zugleich leer. Ihr Blick hing an den Nebelschwaden, an einer Zukunft, die nicht ihre war.

Viele Monate später stieß Mia auf einen ausführlichen Zeitungsbeitrag von Lena Grünwald:

SELBSTZWEIFEL PREISGEKRÖNT

Mit dem Roman „Endstation Hoffnung“ überzeugte Friedrich Silbernagel (71) die Jury des Deutschen Buchpreises. Einstimmig lobten die Jury-Mitglieder die erfrischende Sprache und das Hineindenken in jüngere Generationen. In einer emotionalen Rede gab Silbernagel das Lob an eine gewisse Mia weiter, die ihn am Nordsee-Strand inspiriert habe. Ihr und allen Selbstzweiflern sei das Buch gewidmet …

 

Veröffentlicht von

Jannechie Groz

Impressum: Verantwortlich für "Kölner Schneckenpost" & "Schreibwellness" ist Jannechie Groz Email: koelnerschneckenpost++gmx.de Adresse: Postfach 40 03 06, 50833 Köln

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