Fortsetzung zu „Selbstzweifel“

„Tomaten für Elise“ von Gastautorin Sabrina Juschka

Im Offenen Schreibcafé motivieren Sabrina und ich uns immer wieder gern gegenseitig zum Schreiben. Dort schrieb sie die hier folgende Kurzgeschichte, zu der meine „Selbstzweifel“ sie inspiriert hatte. Ich mag Sabrinas Schreibstil und ihren Blog sehr und freue mich riesig, dass ich „Tomaten für Elise“ hier veröffentlichen darf:  

Lena stockte der Atem. Sie fühlte sich plötzlich wie ein kleines Licht in einem riesigen Universum, in das sie nicht hingehörte. Dies war nicht ihre Welt. Sie kratzte ihr letztes bisschen Mut zusammen und drückte auf die vergoldete Klingel.

Die Tür öffnete sich und vor ihr stand ein Butler.

„Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“

Lena spielte nervös an ihrer Schultertasche.

„Ich bin Lena Grünwald und komme wegen dem Interview von Herrn Professor Dr. Friedrich Silbernagel.“

„Verstehe.“

Lena sah wie der Butler sie durch seine Brillengläser prüfend von oben bis unten musterte.

„Folgen Sie mir. Herr Dr. Silbernagel ist noch anderweitig beschäftigt und hat mir aufgetragen, Sie ein bisschen rumzuführen.“ Mit diesen Worten schob der Butler die Tür noch etwas weiter auf und bat sie mit einer einladenden Handbewegung ins Haus.

Lena machte große Augen, von dem Eingang aus schaute sie geradewegs durch zwei riesige geöffnete Flügeltüren auf eine große Terrasse. Sie widerstand ihrem Impuls gleich darauf zuzugehen.

„Hier entlang.“

Schnellen Schrittes folgte sie dem Butler. Er öffnete eine Tür nach der anderen und gab Lena so die Gelegenheit, überall hineinschauen. So beeindruckend sie alles fand, innerlich gruselte es sie dann doch. Was wollte man mit so vielen Ölgemälden, Designermöbel, Porzellanskulpturen und Hightech Geräten?

Der Butler musste ihr erstauntes Gesicht gesehen haben, denn er fragte nach.

„Beeindruckend nicht wahr?“

„Eher erschreckend!“, schoss es wie aus der Pistole aus ihrem Mund. Erschrocken schaute sie den Butler an. Er lächelte amüsiert und machte eine beschwichtigende Gebärde.

„Schon gut, außer mir kann Sie keiner hören. Warum finden Sie es erschreckend?“

Lena räusperte sich, konnte sie wirklich offen reden? Dass ihr Herz auf der Zunge lag, hatte ihr bisher nicht immer zum Vorteil gedient.

„Na, wer braucht denn so viel Zeug? Wenn man stirbt kann man davon nichts mitnehmen. Für mich wirkt das immer, wenn Menschen so viel horten, als müssten sie damit etwas kompensieren. Ich mag es lieber schlicht. Mir ist ein gutes Gespräch in einer verramschten Kneipe weitaus willkommener, als mich auf einem prunkvollen Anwesen oberflächlich zu unterhalten.“

„Sind Sie hier dann nicht fehl am Platz?“ Der Butler strich über sein weißes Bärtchen.

Lena, abgelenkt durch diese Geste, musste schmunzeln. Es gleicht einem Seemannsbärtchen, dachte Lena.

„Ja, dass bin ich wohl, aber da ich noch im Volontariat bin, muss ich nehmen was ich bekomme. Keiner meiner Kollegen hatte Lust Herr Dr. Silbernagel zu interviewen. Sie meinten er wäre ein alter Griesgram, der ein Schwimmbad mit Champagner füllen könne, aber zu geizig war, ihnen auch nur ein Glass davon anzubieten.“ Lena biss sich auf die Zunge.

„Entschuldigung, das bleibt doch unter uns oder?“

„Möchten Sie denn Champagner trinken?“

„Um Gottes Willen nein! Mir ist ein kühles Bier tausendmal lieber.“, lehnte Lena dankend ab.

„Kennen Sie den Werdegang von Herrn Professor Dr. Silbernagel?“

„Wieso? Muss ich das? Ich meine, ja, den habe ich mir durchgelesen und der hat mich schier umgehauen. Dennoch sagt es nichts über ihn als Person aus.“

„Wie meinen Sie das?“, wollte der Butler wissen.

„Na ja, nur weil er ein so hochdotierter Mediziner ist, heißt das nicht, dass er Zuhause nicht ein absoluter Ekel ist.“

„Wohl wahr.“ Der Butler lächelte verschmitzt.

 

Lena blickte erstaunt auf, sie stand mitten in einem Gewächshaus umgeben von prallen, rotreifen Tomaten. Sie war so vertieft im Gespräch mit dem Butler gewesen, dass sie sich gar nicht daran erinnern konnte, wie sie hier gelandet war.

„Würden sie einen Augenblick hier warten? Herr Dr. Silbernagel wird sich gleich zu ihnen gesellen.“

„Ja, kann ich machen.“, stammelte Lena verwirrt.

Der Butler ließ sie stehen. Lena atmete den satten Duft der Tomaten tief ein. Es erinnerte sie an den Sommer in Italien, als ihre Gastgeberin die frischgeernteten, roten Früchte klein schnitt, um daraus eine Sauce für die Spagetti zu kochen.

In Erinnerungen schwelgend, rieb Lena mit ihren Fingern über die Tomatenblätter und schnupperte daran.

„Riecht herrlich oder?“

Lena drehte sich erschrocken um, die Röte schoss ihr ins Gesicht und leistete sich mit den Tomaten einen Wettstreit.

„Ich, eh, Sie, aber?“ Lena suchte vergebens nach den richtigen Worten. Vor ihr stand der Butler, jetzt aber nicht mehr in seinem standesgemäßen Anzug, sondern ganz leger in Jeans, weißem Polo T-Shirt und Barfuß. Er streckte ihr ein kühles Bier entgegen und lächelte breit.

„Darf ich mich vorstellen? Ich bin Herr Silbernagel, verzeihen Sie meine Maskerade, aber ich wollte sehen aus welchem Holz Sie geschnitzt sind. Mir sind diese hochnäsigen Journalisten zuwider, die nach Champagner gieren und nur kommen, um ihre Neugier zu stillen. Ihr eigentliches Interesse liegt dem zu Grunde, dass sie sich lediglich damit brüsten wollen, mich interviewt zu haben. Ihr Name steht dann feinsäuberlich unter unserem gemeinsam geführten Gespräch, dass ist was für die zählt.“

Lena schaute bedrückt zu Boden.

„Es tut mir leid, dass ich Sie nicht erkannt und für den Butler gehalten habe. Aber auf allen Fotos sehen Sie so anders, frisch rasiert und gestylt aus.“

„Das ist doch das, was die Leute sehen wollen. Wer will denn schon einen berühmten Mediziner mit strubbligem Bart sehen? Da denken die, ich wäre eher verrückt als wirklich kompetent. Menschen beurteilen, was sie im ersten Moment erblicken, wenn man da versagt, ist das Vertrauen nur schwer zurück zu gewinnen. Verstehen Sie das?“

Lena nickte und nahm unbeholfen einen Schluck von ihrem kühlen Bier.

„Sollen wir uns setzen?“

Lena folgte Herrn Silbernagel zu einer Bank in mitten der nach Sommer duftenden Tomaten. Sie stellte das Bier neben sich auf den erdigen Boden.

„Ich habe Ihnen hier eine Seite mit Fragen und Antworten ausgedruckt, ich möchte, dass Sie in ihrem Artikel nur diese Sachen verwenden. Mir ist der letzte Absatz besonders wichtig. Ich werde ihnen noch erklären warum. Ansonsten dürfen Sie mir jetzt alles fragen was Sie wollen, vorausgesetzt es bleibt unter uns.“

Lena nahm das Blatt entgegen und las es sich durch.

„In Ordnung, das reicht allemal für den Artikel.“

„Na dann raus mit den Fragen!“

Lena schaute in das amüsierte Gesicht und ihr wurde warm ums Herz.

„Wer sind Sie wirklich?“

„Ein alter Mann, mit jeder Menge Schotter!“

Lena musterte ihn nachdenklich.

Herr Silbernagel brach in schallendes Gelächter aus.

„Erzählen Sie mir, was ich noch nicht weiß. Wer sind Sie und was hat Mia mit ihrem Buch zu tun. Was hat dazu geführt, dass es 15 Jahre gedauert hatte bis Sie mit einem neuen Buch aus der Versenkung auftauchen. Noch dazu eines was so gar nicht zu ihren anderen Büchern passt?“

Herr Silbernagel schaute ernst und fing an zu erzählen.

„Ich hatte einen Zwillingsbruder, der im Alter von 14 Jahren einem Krebsleiden erlag. Keiner konnte ihm helfen. Da entschied ich mich Arzt zu werden und mich auf die Krebsforschung zu spezialisieren. Mit 27 traf ich dann Elise, eine sehr zarte und liebevolle Frau. Sie hielt mir bei allem den Rücken frei. Sie kümmerte sich um unsere Kinder, richtete unser Haus ein, so wie es die Gesellschaft verlangte und gründete einen Wohltätigkeitsverein. Sie war so voller Leben und Tatendrang, sie strahlte von innen heraus. Wissen Sie was ich meine?“

Lena schaute in die traurig dreinblickenden Augen des Herrn Silbernagel.

„Ich weiß genau was Sie meinen.“

„Eines Tages wurde Elise immer müder, vergaß Dinge, wirkte zerstreut und der immerwährende Glanz in ihren Augen erlosch zusehends. Es stellte sich heraus, dass sie einen Gehirntumor hatte. Inoperabel und bösartig. Können Sie sich vorstellen, wie sich das anfühlt, eine Koryphäe auf einem Gebiet zu sein und dann nicht mal seine eigene Frau retten zu können? Als sie starb, versiegte mit ihr mein Lebenswillen. Ich zog mich zurück. Nichts war mehr von Bedeutung. Hätte ich die Angestellten nicht, dann wäre das Haus bestimmt runtergekommen. Nur das hier“, Herr Silbernagel zeigte auf die ringsum wachsenden Tomaten, „die pflege ich bis heute. Dieses Gewächshaus hatte sich Elise zum Geburtstag gewünscht. Es war ihre kleine Oase, ihr Rückzugsort, aus der schnelllebigen Welt. Dann traf ich Mia.“

Lena hörte zu, wie Herr Silbernagel über die Begegnung mit Mia sprach und wie wichtig es ihm war, dieses Buch zu veröffentlichen, um Mia, wie auch allen Selbstzweiflern, Mut zu machen.

„Mia gab mir nicht nur ihr Manuskript, sondern auch einen neuen Sinn in meinem Leben und dieses Geschenk möchte ich weitergeben. Das Alter, die Besitztümer, all das, was man gelernt hat, spielt keine Rolle, wenn man es nicht schafft einen Mehrwert in jemand anderes Leben zu sein. Ich möchte meine verbleibende Zeit damit verbringen, anderen Mut zu machen, denn der Tod ist unumgänglich. Darum sollte ein jeder das Leben so gestalten, dass es einen aus tiefstem Inneren erfüllt.“

Herr Silbernagel pflückte zwei Tomaten und reichte Lena eine. Sie biss vorsichtig hinein.

Keiner sprach mehr ein Wort. Sie naschten von Elises Tomaten, jeder versunken in seinen eigenen Gedanken und sich dennoch der Nähe des jeweils anderen auf angenehme Weise bewusst.

Veröffentlicht von

Jannechie Groz

Impressum: Verantwortlich für "Kölner Schneckenpost" & "Schreibwellness" ist Jannechie Groz Email: koelnerschneckenpost++gmx.de Adresse: Postfach 40 03 06, 50833 Köln

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