Plädoyer für Recyclingtüten

„Der Handel gelobt Besserung“, lese ich gestern im Kölner Stadtanzeiger. Verpackungsmüll will man einsparen. Na endlich, denke ich. Verpackungsmüll gibt es viel zu viel. Unter dem Beitragsbild mit den Äpfeln am Obststand lese ich: „Mehrwegnetze sollen die Einwegtüten ersetzen.“ Kurz stutze ich und frage mich, für wen oder was das eine Besserung sein soll. Für die Umwelt jedenfalls nicht. Denn die Tüten am Obst- und Gemüsestand sind alles andere als „Einweg“-Tüten. Zuhause benutzte ich sie als Müllbeutel (siehe Foto), beim Spaziergang als Kotbeutel für den Hund, beim Sport als Plastikumhüllung für nasse Schwimmsachen, auf Reisen als Schuhbeutel und als Auslaufschutz für Flüssigkeiten im Kosmetikbeutel. Wenn ich es nicht ständig vergessen würde, könnte ich sie auch beim nächsten Obst- und Gemüsekauf wiederverwenden.

Diese vielseitigen gratis Tütchen will der Handelsverband Deutschlands (HDE) nun also abschaffen. Für Obst- und Gemüseeinkäufe sollen wir Verbraucher dann „Mehrwegnetze“ kaufen. Wenn wir diese beim nächsten Einkauf zuhause vergessen – soll ja vorkommen – können wir weitere Mehrwegnetze kaufen. Und für die Mülltonne gibt es im Handel sowieso längst Müllbeutel zu kaufen. Die gelobte Besserung des HDE scheint mehr ökonomischer als ökologischer Natur zu sein. Wo bitte bleibt bei der Besserung für den Handel (= mehr Umsatz) die Besserung für die Umwelt?

Nun ja, wenn „Mehrwegnetze“ umweltfreundlicher hergestellt werden als „Einwegtüten“. Wenn sie darüber hinaus biologisch abbaubar sind.

Na hoffentlich! Denn als Müllbeutel würde ich die Netze nicht weiterverwenden, auch nicht als Kotbeutel für den Hund, igitt!

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Offenes Schreibcafé

TIPP: Beim Schreiben fällt dir die Decke auf den Kopf? Du sehnst dich nach nicht virtuellem Austausch mit Gleichgesinnten, willst oder musst aber an deinem Schreibprojekt weiterarbeiten? Ging mir genauso, deshalb habe ich das Offene Schreibcafé gegründet. Jeden Dienstagmorgen um halb elf treffen sich hier Gern- und VielschreiberInnen, um im schönen Ambiente des Eventcafés Rhythm & Shake an eigenen Projekten zu schreiben und während der Pausen gemütlich zu klönen. Ich schreibe selber mit und achte darauf, dass wir die Zeiten einhalten:

  • 10:30-10:45 Uhr Klön-Zeit
  • 10:45-11:30 Uhr Schreib-Zeit
  • 11:30-11:45 Uhr Klön-Zeit
  • 11:45:12:30 Uhr Schreib-Zeit

Einige schreiben anschließend im Café fleißig weiter …

Egal ob du an Gedichten feilst oder bloggst, Kurzgeschichten, Romane oder was auch immer schreibst, ob mit Stift und Kladde oder mit Notebook und eigenem Strom, du bist herzlich willkommen! Die selbstgemachten Limonaden, FroYo’s und Kaffees hier sind übrigens vorzüglich 🙂

LOCATION: Eventcafé Rhythm & Shake, Unter Linden 240, in 50859 Köln (Widdersdorf), Tel. 01577 9732969, Email: rhythmandshake@gmail.com

Hinweis: Das Schreibcafé findet nur während der Geschäftszeiten des Eventcafés statt. Bei weiter Anreise besser vorher im Café nachfragen.

Jussi Adler-Olsen anders

DAS ALPHABETHAUS

von Jussi Adler-Olsen, München 2012

REZENSION. In knapp 3 Tagen habe ich die 589 Seiten verteilt auf 68 Kapitel ausgelesen. Für mich war das ein echter Pageturner, denn ansonsten lese ich im Schnitt pro Monat nur ein Buch.

„Das Alphabethaus“ hatte ich mir aus einer Reihe von Romanen über Freundschaften ausgesucht, weil der Autor für gute nordische Krimis steht. Dabei ist „Das Alphabethaus“ kein Krimi. Im Mittelpunkt steht die Freundschaft der beiden Englischen Flieger-piloten James und Bryan, die während des zweiten Weltkrieges über Nazi-Deutschland abstürzen. Im Kampf ums Überleben schlüpfen sie in einem geheimen Sanatorium für hochrangige SS-Offiziere in die Rollen psychisch gestörter Patienten. Bald bemerken sie, dass sie nicht die einzigen Simulan-ten sind. Der Alltag im Sanatorium ist durch Elektroschocks und Pillen sowie dem Mobbing-Regime der anderen Simulanten geprägt und schwer erträg-lich. Einer der zwei Freunde schafft es zu fliehen. Sein Leben lang wird er es sich vorwerfen, seinen besten Freund zurückgelassen zu haben. Bis es ihn in den Siebzigern nach einer Einladung des Olympischen Komitees zurück nach Deutschland zieht. Dort macht er sich persönlich auf die Suche nach seinem Freund. Wer die Gegend um Freiburg ein wenig kennt und mag, hat wie ich noch mehr Freude daran, ihn lesend auf der Suche zu begleiten. Überhaupt scheint JAO für das Buch gründlich recherchiert zu haben.

Die Themen Freundschaft und Verge-bung ziehen sich unterschwellig durch den Roman. Sei es die Vergebung des ex-Fliegerpiloten gegenüber dem Volk, das den Krieg begann. Sei es die Vergebung zwischen Freunden. Nicht verzeihen spaltet Freundschaften und Völker – eine Erkenntnis, die wohl nie veraltet.

Zwar ist dies kein Krimi, menschliche Abgründe und Gewalt spielen hier aber eine ähnlich große Rolle wie in JAOs düsteren Skandinavien-Krimis. Beim Lesen war mir das manchmal zu viel, mich interessieren mehr die Charaktere. Davon bietet JAO jede Menge und einen guten Einblick tief hinein in die Psyche. Den fließenden Übergang zwischen geistesgestört und normal, zwischen krank und Simulant stellt er so glaubhaft dar, dass ich als Leser genauso darauf hereinfiel wie das Krankenhauspersonal, das auf seine Weise ebenfalls krank war. Statt Schwarz-Weiß-Malerei mischen sich Gut und Böse in den meisten Charakteren. Helden morden und machen Fehler, die nur schwer zu vergeben sind. Böse Gegenspieler sorgen sich um ihre Liebsten. Nur einzelne Figuren wie ‚der Postbote’ und sein Lakaie sind mir zu einseitig böse dargestellt.

Das Buch sei allen empfohlen, die Spannung und Zwischenmenschliches lieben und sich von Kriegs- und Gewaltdarstellungen nicht abschrecken lassen.

Gletscher im Wandel

Der Ausflug auf die Zugspitze war als Urlaubs-Highlight gedacht. Wie wir dachten an diesem Sommertag Tausende. Im Pulk warteten wir vorm Eingang der Seilbahn, um uns schwitzend in die Gondel zu quetschen und die felsigen Gipfel zu bestaunen. Gondel und Bergstation in knapp dreitausend Meter Höhe beeindruckten nicht weniger. Wunder der Technik. Ehrfürchtig folgten wir dem Touristenstrom, erfrischten uns in der Bio-Cafeteria und ließen uns vor bodentiefen Fenstern die Landschaft erklären.

„Hinter dem Berg befindet sich Ludwigs Schloss Neuschwanstein, vorne Rechts der Starnberger See, unten links der Eib-See. Bei den Temperaturen lässt es sich da jetzt gut aushalten.“ In epischer Breite listete der Führer mit Hut auf, was wir in diesen Gefilden noch alles besichtigen sollten. Die bayrische Touri-To-do-Liste war lang. Dabei wollte ich heute nur die Zugspitze aus der Nähe betrachten, mich an ihrem Gletscher abkühlen – was davon noch übrig ist. „Gletscherschmelze“ war mir ein Begriff, die weiß gesprenkelte Steinwüste mit eigenen Augen zu sehen, jedoch ein Schock. Auf dem verbliebenen Schmutzig-Weiß kraxeln Kinder und Erwachsene. Schlitten stehen bereit, um den kleinen Schnee-Hügel hinab zu gleiten. Nebenan gibt’s Grill-Würste und Hefeweizen, im Gebäude darüber Souvenirs vom Touri-Shop. Wo sind Schilder und Schautafeln, die den täglich Tausenden hier erklären, wie und warum das ewige Eis verschwindet und wie wir diese Entwicklung umkehren können? Nicht einmal Hinweise zur Bedeutung des Gletschers auf unser Öko-System finde ich. Dabei gibt es eine Umweltforschungsstation direkt auf der Zugspitze. Uns Touristen ist sie leider nicht zugänglich.

„Was regst du dich so auf?“, fragt meine Begleitung. „Kann man alles googeln.“ Also setze ich mich auf einen Felsen, suche online nach Antworten und fluche noch mehr, weil das Display knapp fünf Prozent Energie anzeigt. Steckdosen gibt es viele auf der Zugspitze. Und noch mehr Smartphones, fast jedem Touri sein eigenes – für die vielen Selfies, die hier täglich produziert werden. „Woher kommt der Strom dafür? Tragen nicht gerade unsere stromfressenden Geräte dazu bei, dass die Erde sich erwärmt und die Gletscher verschwinden?“ Wieder zuhause entdecke ich ein Buch, das jene Infos liefert, die mir auf der Zugspitze fehlten: Gletscher im Wandel – 125 Jahre Gletschermessdienst des Alpenvereins.

Book versus E-Book

Erstmals seit einem Jahr habe ich mir ein Buch gekauft. Ein echtes Buch, schwer wie ein iPad und fünfmal so dick. Auf dem gelben Buchumschlag lächelt mich ein kleiner Junge an, Erich Kästner. Im Vorwort sagt er: „Manches ist bequemer geworden. Wurde es dadurch schöner?“

Zu Lebzeiten Kästners gab es weder eBooks noch eReader. Bücher kaufte man beim Buchhändler um die Ecke, ließ sich dort beraten und begeistern und kam mit stapelweise neuen Büchern nach Hause – wenn man es sich leisten konnte. Heute reicht zum Buchkauf ein einziger Klick. Bequemer: ja! Schöner?

Wer sich damals keine neuen Bücher leisten konnte oder wollte, schmökerte in der Bücherei, ließ sich von netten Bibliothekaren beraten und begeistern und kam mit stapelweise ‚neuen‘ Büchern nach Hause. Diese Variante gibt es NOCH. Zusätzlich bieten öffentliche Bibliotheken heute die ‚Onleihe‘. Laut Gebrauchsanleitung können eBücherwürmer sich per ‚Onleihe‘ bequem daheim eBooks auf den eReader laden. Nach Ablauf der Leihfrist verpufft das geliehene eBook quasi von selbst. Mahngebühren werden so nie fällig. Bequemer: Ja, wenn es funktioniert! Alle Glücklichen, die das geschafft haben, beneide ich um ihr Geschick und um ihre Geduld.

Manch ein Roman ist so klasse, dass ich FreundInnen daran teilhaben lassen will. Papierne Bücher kann ich weitergeben, aber eBooks? Bis jetzt fand ich keine Möglichkeit, sie auszuleihen, sie zu verschenken oder irgendwann mal zu vererben. Nur weiterempfehlen kann ich sie. Andere müssen sie selbst kaufen und können sie nur für sich lesen. Es sei denn, sie kennen eine Technik, die mir noch fehlt.

Was ist mit dem Leseerlebnis? So ein dickes Buch, das macht was her! Es füllt das Regal und fühlt sich gut an. Seite für Seite raschelt es beim Umblättern. Sein Geruch weckt Erinnerungen an viele spannende Lesestunden. Das Rascheln, das Umblättern, der Geruch – eines Tages ist das alles nur eine Frage der technischen eBook-Animation. Bequemer? Schöner?

Und wenn schon, die Inhalte zählen! Per Lese-App habe ich die auf dem Smart-Phone immer dabei, immer was zu lesen, in jeder Lebenslage. Sogar im Dunkeln, solange der Akku genug Strom hat. Und so wächst bei jedem meiner Geburtstage mein Stapel ungelesener Papierbücher, weil ich mit einem Klick ständig neue eBooks kaufe. Ach nein, ich kaufe nur die Lizenz, um sie zu lesen? Die eBooks gehören mir nicht, niemals? Wenigstens das war schon immer so:

Bequemlichkeit hat ihren Preis.

Vollendete Selbstzweifel

Mias Hände zitterten, als sie ihr Feuerzeug an Sol Steins Werk „Über das Schreiben“ hielt. Die Flamme war kurz davor, sich von dem Wälzer einschüchtern zu lassen. Das zischende Zitronengelb verkümmerte zu einem müden Marineblau. Die Kraft des geschriebenen Wortes war wohl stärker als die Hitze des Feuers. Kein Wunder, das Buch enthielt nicht ihre Worte, sondern die eines erfolgreichen Autors. Worte, die sie oft zum ‚besseren‘ Schreiben motiviert hatten. Worte, an die sie geglaubt hatte. Jetzt nicht mehr.

Sie warf das Buch zu den anderen Lehrbüchern in den Sand. Es prallte gegen eine Sandburg, deren Turm sofort nachgab. Sand rieselte auf die aufgeschlagenen Seiten, auf die Überschrift „Wetteifern mit Gott“. Wetteifern wollte Mia nicht mehr. Weder mit Gott noch mit sonst wem. Warum auch?

Ihre eigenen Texte würden sich leichter verbrennen lassen. Gelöscht hatte sie sie schon. Nun waren die Papiere dran. Mit gebeugtem Rücken und hängenden Schultern lief sie zu ihrem Polo zurück. Einen Meter davor blieb sie stehen, atmete tief durch und starrte auf den Deckel des Kofferraums. Möwen kreischten ihr ins Ohr, keiften mit Mias innerer Stimme um die Wette: „Ständig schreibst du nur. Für nichts und niemanden hast du Zeit. Geh lieber mehr arbeiten, wir brauchen das Geld!“

Mit beiden Händen hielt Mia sich die Ohren zu. Die Tirade ging weiter. „So kann man doch nicht schreiben, das ist Umgangssprache! Warum sind deine Geschichten immer so düster? Schreib doch mal was Schönes!“

Nichts mehr würde Mia schreiben, erst recht nichts Schönes. Schließlich gab es ‚Wichtigeres‘ zu tun im Leben. ‚Wichtiges‘, das Mia so viel leichter von der Hand ging als das Schreiben. Das ihr und ihrer Familie mehr Geld einbrachte. Wie es ihr dabei ging, interessierte niemanden. Schließlich machte ihre ‚wichtige‘ Beschäftigung sie in den Augen der anderen ‚wichtig‘. Das schien die Hauptsache im Leben ihrer Mitmenschen zu sein.

Mit einem Ruck öffnete sie den Kofferraum. Kreuz und quer verteilt lag darin der Inhalt ihres Sekretärs: ein Ordner mit ihren Kurzgeschichten, einer mit Lehrmaterialien aus verschiedenen Schreibwerkstätten, ein Hefter mit Ideensammlungen, ein Dutzend Notizblöcke und eine Mappe mit ihrem unvollendeten Roman. Vor lauter Wut hatte sie die Sachen vorhin einfach nur ins Auto geschleudert.

Nun griff sie nach ihrer roten Einkaufsbox, klappte sie auseinander und stellte sie auf den Asphalt. Wie ihr Feuerzeug gehörte die Plastikbox zum Inventar ihres alten Gefährts. Mia beugte sich über die Heckklappe und griff hinein in ihren papiernen Lebensinhalt der letzten Monate und Jahre. Die Papiere, Hefte und Bücher waren immer so geduldig gewesen, so tröstlich. Darauf wollte sie ab heute verzichten? Mias Brust zog sich zusammen. Ein dumpfer Schmerz, er würde vorüber gehen.

Tom hatte recht. Sie hatte übertrieben, dem Schreiben zu viel Zeit gewidmet, vergessen, dass es nur ein Hobby war. Aber musste er sie deshalb vor die Wahl stellen? Okay, das Geld war knapp geworden. Und schreibend würde Mia daran nichts ändern können.

Mit glasigen Augen befüllte sie die Einkaufsbox mit den wertlosen Dingen, deren Wert ihr Selbstbewusstsein bestimmten. Sie keuchte, als sie die Box hob und zum Strand hinunter schleppte. Rückengymnastik hatte der Orthopäde ihr empfohlen. Wann hätte sie das neben Haushalt, Kindern, Schreiben und Arbeiten noch tun sollen?

Am Strand erwartete Mia eine Wand aus Nebelschwaden. Das Meer hatte sich dahinter zurückgezogen. Auf der Suche nach ihrer Feuerstelle stolperte Mia über die Bücher von Sol Stein und den anderen Schreibratgebern. Die Box rutschte ihr aus der Hand. Mappen und Loseblattsammlungen landeten im Sand. Ein Zeichen? Mia nahm einen tiefen Atemzug und ging inmitten der Papiere und Bücher in die Knie. Zeit, das Ende einzuläuten. Sie verschob den Regler ihres Feuerzeugs bis die Stichflamme groß genug war, einen Wald in Brand zu setzen. Mia hielt sie an ihre Ideensammlung und hörte ihr Herz klopfen. Mit unstillbarem Hunger liebkoste die Flamme das Papier. Nach fünf Atemzügen brannte die Sammlung wie ein Lagerfeuer.

Den Wanderer bemerkte Mia, als er hinter ihr stand. Ein Hüsteln und ein Tippen auf ihrer Schulter ließen sie aufspringen und herumfahren. Vor ihr stand ein Mann mit weißer Mähne und Seemannsbärtchen. Hinter den Brillengläsern wirkten seine Augen wie Fische auf dem Trockenen.

„Ich wollte Sie nicht erschrecken, meine Liebste. Aber Sie haben mich erschreckt.“

Er zeigte auf die Flammen. „Zündeln ist hier strengstens verboten. Wegen der Brandgefahr.“

„Oh. Ich wusste nicht … Entschuldigung!“

„Kein Problem, ich habe immer alles dabei.“ Der Mann kramte ein Tuch aus seinem Rucksack und warf es über die Flammen. „Gefahr gebannt.“
 Sein Blick fiel auf die Bücher im Sand. Er ging in die Hocke und nahm den angesengten Sol Stein in die Hand. „Das schöne Buch wollen Sie verbrennen? Und das? Und das auch?“ Er blickte zu Mia hoch. „Eine Bücherverbrennung. Warum?“

Mia spürte, wie ihr Hitze ins Gesicht stieg. Der Wanderer mit den Sorgenfalten erinnerte sie an ihren Großvater. Dem einzigen Menschen, der immer ein offenes Ohr und einen guten Rat für sie gehabt hatte. Jeden Anderen würde sie jetzt wegschicken. Niemandem ging diese Aktion etwas an.

Mia setzte sich neben ihn in den Sand, sah zu Boden und rieb sich die Stirn. „Die Bücher können nichts dafür. Ich hab vorhin wohl etwas überreagiert.“

Mit der Würde eines Grabredners strich der Mann über die Buchtitel. „Bücher über das Schreiben. Ich kenne sie fast alle.“

„Schreiben Sie auch?“

„Wenn die Zeit es erlaubt.“

War das Wehmut in seiner Stimme?

„Das kenne ich.“ Sie seufzte. „Nur wird die Zeit es mir bald gar nicht mehr erlauben.“

Er stützte sich seitlich ab, setzte sich in den Sand und sah sie fragend an.

„Ich soll einen neuen Job antreten. Einen Karrierejob mit vielen Überstunden. Wir brauchen das Geld.“

„Und deshalb willst du – darf ich ‚du‘ sagen?“ Er hielt ihr die Hand hin. „Friedrich Silbernagel.“

Sie legte ihre Hand in die seine. „Gern. Mia.“

„Deshalb willst du das alles hier verbrennen?“

Mia zog die Schultern hoch. „Die Bücher wohl doch nicht. Auf jeden Fall aber den Schrott hier.“ Sie zeigte auf die übrig gebliebenen Papiere.

„Da steckt doch bestimmt viel Arbeit drin.“

„Viel zu viel Zeit habe ich ich mit diesem blöden Roman verschwendet. Was ich auch versuche, ich kriege ihn nicht rund.“
Friedrich beugte sich darüber.

„Darf ich?“

„Von mir aus können Sie ihn behalten. Dann brauche ich ihn nicht zu verbrennen. Ist hier ja eh verboten.“

„Im Ernst?“ Er drückte den Stapel Papier an seine Brust. „Es ist mir eine Ehre, dieses unvollendete Werk lesen zu dürfen.“

„Und mir eine Freude, den Mist endgültig los zu sein.“

Friedrich packte den Stapel in seinen Rucksack, verabschiedete sich und verschwand im Nebel. Mia blieb am Strand zurück, zusammen mit den Lehrbüchern. Sie fühlte sich befreit und zugleich leer. Ihr Blick hing an den Nebelschwaden, an einer Zukunft, die nicht ihre war.

Später in der Zeitung:

PREISGEKRÖNTES DEBÜT ZUM EINUNDACHTZIGSTEN

Mit seinem Erstlingswerk „Endstation Hoffnung“ erzielte Friedrich Silbernagel (81) den Deutschen Buchpreis. Die Jury lobte die erfrischende Sprache und das Hineindenken des Autors in jüngere Generationen. In seiner Dankesrede gab Silbernagel das Lob an eine gewisse Mia weiter, die ihn am Nordsee-Strand zu seinem Erfolgsroman inspiriert habe. Ihr und allen Selbstzweiflern sei das Buch gewidmet.

 

John Irvings Bestseller-Tipps

In seinem Roman „Letzte Nacht in Twisted River“ und bei einigen Lesungen gibt John Irving seine Herangehensweise beim Schreiben preis. Für alle, die von dem erfahrenen Autor lernen wollen, fasse ich hier seine Schreibregeln zusammen:

1.
Bevor Irving mit dem Schreiben einer Geschichte beginnt, kennt er den detaillierten Plot und den letzten Satz. So braucht er sich beim Schreiben nur auf Stil und Formulierungen zu konzentrieren.

2.
Figuren und Plot entwickeln sich langsam im Kopf des Autors. Während er über die jeweilige Figur und deren Stellung in der Story nachdenkt, fallen ihm wohl klingende Sätze ein. Diese heftet er an an die Wand, denn sie sind „Markierungen oder Wegweiser, die ihm bei der Orientierung helfen, während er das Kapitel verfasst.“

3.
Den Einstieg seiner Geschichten bildet meistens ein gravierendes Geschehnis, das bereits seinen Lauf nimmt und bei dem es kein Zurück mehr gibt.

4.
Irvings Figuren durchleben dessen schlimmsten Ängste und Alpträume, wodurch der Autor diese letztlich selbst verarbeitet.

5.
Wahre Gegebenheiten eignen sich nur dann als Stoff für fiktive Geschichten, wenn der Autor sie für für den Leser interessant macht. Irving erreicht das durch drei Mittel: Distanzierung, Übertreibung und Verfremdung.

6.
Gerade prägende Erlebnisse verwertet und verfremdet Irving in seinen Geschichten nur mit zeitlicher und innerer Distanz.

7.
Zusätzliche Spannung erzeugt Irving, indem er seinen Lesern einen Wissensvorsprung gegenüber den Protagonisten einräumt. Auch wenn der Leser das Ende ahnt, so bleibt er gespannt, wie es dazu kommen wird.

8.
Unwissen und Missverständnisse bei den Romanfiguren bewirken diese zusätzliche Spannung. Bei Figuren im Kindesalter sind Wissenslücken am leichtesten nachvollziehbar. Während des Heranwachsens schließen sich die Lücken, aber erst nachdem sie im Roman so Einiges angerichtet und die Geschichte vorangetrieben haben.

Welche dieser Bestseller-Regeln hältst du für die effektivste? Wieso?