Haiku – mehr als ein heiterer Vers

Als ich vor Jahren in einer Schreibwerkstatt mein erstes ‚Haiku‘ schreiben sollte, ahnte ich nicht, wie sehr diese japanischen Kurzgedichte mich mal beschäftigen würden. Mit Lyrik hatte ich nie was am Hut gehabt. Nun sollte ich einen besonderen Moment in drei Sätze mit insgesamt siebzehn wohlklingenden Silben packen. Und das auch noch möglichst einfach und konkret. Wie eine Kombination aus Kreuzworträtsel und Sudoku erschien mir die Übung. Was dabei herauskam, las ich lieber nicht vor. Während manch ein Haiku der anderen Kursteilnehmer mich verzauberte, kamen meine Zeilen mir gekünstelt, dumm und langweilig vor.

Schreib drei Zeilen,


siebzehn Silben insgesamt,


im Jetzt, einfach und konkret.

Als ‚Vers mit heiter skizzierter Pointe‘ übersetzte unsere Dozentin Petra Harzheim das japanische Wort ‚Haiku‘. Im 16. Jahrhundert sei es gemäß dem Sachwörterbuch der Literatur aus dem scherzhaften Kettengedicht hervorgegangen. „Eine andere Art von Humor als bei uns Europäern“, dachte ich, behielt es aber für mich. Ob heiter oder nicht, mich überzeugte die Erklärung, wie Haiku-Übungen unser Gefühl für Sprache trainieren: „Das Zählen von Silben zwingt uns ständig abzuwägen, welches Wort in seiner Bedeutung, seiner Länge und seinem Klang am besten in die jeweilige Zeile passt.“

Auf dem Heimweg ertappte ich mich dabei, Silben zählend die Fahrbahn, das Wetter und des Nachbars Katze in Haiku-Form zu pressen. Bevor ich mir später den Mantel auszog, hielt ich die Zeilen von unterwegs in meiner China-Kladde fest. „Was stehst du da im Flur?“, rief mein Mann aus der Küche, „Komm doch rein!“ Als Antwort las ich ihm mein Haiku vor:

Regenwolkengrau:


Straßen, Autos, Katzen.


Mein Tag: Himmelblau!

Was hatte ich erwartet? Nichts Anderes als diesen irritierten, mitleidigen Blick. Mein Haiku verzauberte niemanden, nur mich. Wobei mich mehr der Schaffensprozess als Klang und Inhalt des Haiku begeisterten. Bei meinen eigenen Haiku-Versuchen ist das heute noch so. Haiku schreibend kann ich mich prima entspannen und von Grübeleien ablenken – fast immer und fast überall: Während ich im Supermarkt an der Kasse oder im Regen auf den Bus warte, während eines Waldspaziergangs oder wenn ich abends nicht einschlafen kann. Ist weder Stift noch Notebook zur Hand, trainiere ich Haiku dichtend zusätzlich mein Gedächtnis.

Die Spinne

stürzt hinab
und schaukelt


am seidenen Faden.

Was mich bei fremden Haiku fasziniert, wurde mir bewusst, als die Monatsaufgabe der Online-Schreibwerkstatt Fiction-Writing vor anderthalb Jahren verlangte, ein eigenes Haiku zu schreiben und die meiner Mitschreiberlinge zu kommentieren. „Wie machen die das?“, fragte ich mich wieder, wenn Haiku-Zeilen in meinem Kopf nach hallten. Durch das Kommentieren dieser Haiku erkannte ich deren Gemeinsamkeiten. Zum Einen waren es für mich die Interpretationsspielräume und Diskussionen darüber, die ein Haiku ‚leuchten‘ ließen. Sie verleiten den Leser zu sinnieren, zu philosophieren und zu träumen. Manch ein Haiku wird so zum Spiegel der Seele. Zum Anderen war es dieser inhaltliche Bruch inmitten einiger Haiku. Dieser Holzweg, auf den man sich beim Lesen der ersten beiden Zeilen begibt, um nach der letzten Zeile wie ein Fragezeichen dazusitzen.

Knospen platzen auf,


entfalten Schönheit und Duft,


bleiben im OP …

Wer seine Haiku – statt sie in Schubladen zu sammeln – mit Anderen teilen will , findet im Internet vielfältige Möglichkeiten. Bei Haiku-heute wird monatlich eine Auswahl eingesandter Haiku ins Netz gestellt, wobei jeder Texte einreichen kann. Nicht nur im Internet, sondern auch in einer Vierteljahreszeitschrift und in Buchform können Mitglieder der Deutsche Haiku-Gesellschaft ihre schönsten Kurzgedichte veröffentlichen lassen. Ein reger Austausch von Haiku und deren Interpretationen findet in einer Vielzahl spezieller Online-Foren statt, wobei als Beispiel die Haiku-Werkstatt des Hamburger Haiku-Verlags genannt sei.

Auf den Homepages der genannten Organisationen wie an vielen weiteren Stellen im Web findet sich eine Fülle an Ratschlägen, wie man Haiku besonders gut oder besonders schlecht schreiben kann. Statt das alles zu wiederholen, halte ich hier nur die mir wichtigsten drei Punkte fest:

  1. Lockerung der Zeilen- und Silbenvorgabe. Bis um die Jahrtausendwende galt für deutsche Haiku wie im Japanischen die starre Vorgabe 5-7-5 Silben. Da aber siebzehn Japanische Lauteinheiten dem Informationsgehalt von zehn bis vierzehn deutschen Silben entsprechen, passt die strenge Vorgabe auf Dauer nicht zum hiesigen Sprach-Rythmus. Deshalb hat es sich beim Großteil der geübten Haiku-Fans eingebürgert, ohne Verlust des Gedankengangs oder des gezeigten Bildes mit weniger als siebzehn Silben auszukommen.
  2. Lockerung inhaltlicher Vorgaben. Klassische Haiku-Definitionen verlangen einen Bezug zu Natur und Jahreszeiten. Zwar bietet diese Vorgabe viele Möglichkeiten, zugleich begrenzt sie unnötig die Auswahl an Themen unserer Zeit. Für wichtiger als diesen Naturbezug halte ich die Festlegung von Haiku auf einfache Momentaufnahmen, die ohne Belehrungen und Erklärungen auskommen.
  3. Interpretationsspielräume. Dem Gütesiegel ‚Haiku‘ gehorchen offene Texte, die für die Leser inhaltlich nachvollziehbar sind, obwohl sie nicht alles benennen und erklären und erst recht nicht werten und kommentieren. Die Leser sollen den Zusammenhang zwischen verschiedenen konkreten Bildern desselben Haikus selbst herstellen und den Text durch eigene Gedanken und Assoziationen vervollständigen können – so entfaltet das Haiku sich im Leser und ‚leuchtet‘.

Ratschläge für besonders heitere oder gar lustige Verse sind mir leider noch nicht begegnet. Dafür habe ich bei meinen Recherchen heute endlich mal über ein Haiku lachen können:

Zooausbruch bei Nacht

Über den Zebrastreifen


schreitet ein Löwe


Bücher mit und über Haiku gibt es wie Sand am Meer. Belletristische Bücher, in denen Haiku eine besondere Rolle spielen, habe ich bisher aber nur zwei gefunden: In seinem Thriller „Stimmen der Angst“ spielt Bestseller-Autor Dean Koontz sehr lesenswert mit Sprache und ‚mörderischen Haiku‘. Mehr was für ‚Schöngeister‘ scheint laut Amazon-Kundenrezensionen Denis Thériaults Liebesroman „Siebzehn Silben für die Ewigkeit“ zu sein – bin gespannt …

Kronleuchter im Waisenhaus

WISSEN: Im ersten Adventskranz vor über 170 Jahren brannten an Heiligabend nicht 4 sondern 28 Kerzen. Seinem Erfinder, dem evangelischen Theologen Johann Hinrich Wichern, ging es darum, den erwartungsvollen Waisenkindern im Hamburger „Rauhen Haus“ die Zeit bis Weihnachten festlich zu verkürzen. Er befestigte 24 kleine rote und vier große weiße Kerzen auf einem riesengroßen Wagenrad. Viele Jahre später verzierte er das Rad auch mit Tannenzweigen. Wie ein Kronleuchter hing das Rad den ganzen Advent über an der Decke. Mit Weihnachtsliedern und –geschichten durften die Heimkinder im Dezember jeden Abend eine weitere rote Kerze anzünden, adventssonntags zusätzlich eine weiße. Mit sozialem Engagement verbreitete der Theologe seine Idee des Adventskranzes, der den Menschen in der Vorweihnachtszeit Hoffnung gibt. Immer mehr evangelische, später auch katholische Gemeinden und private Familien, übernahmen den Brauch. Da auf kleinere Räder oder Kränze weniger Kerzen passen, blieben auf hiesigen Adventskränzen nur die vier Sonntagskerzen. Bis zu 28 Kerzen brennen weiterhin jedes Jahr auf den Kränzen des Rauhen Hauses.

Quelle: http://www.rauheshaus.de/das-rauhe-haus/ueber-uns.html#c1292

Kreative Schreibtagung im März

TIPP: Wer gern schreibt und den kreativen Umgang mit Sprache liebt, ist bei den gar nicht typischen Jahrestagungen des Segeberger Kreises bestens aufgehoben. Statt passiv schier endlosen Vorträgen zu lauschen wird hier in Gruppen aktiv geschrieben, werden Schreibübungen reihum erfunden und direkt ausprobiert. Die Ergebnisse können sich sehen, lesen und hören lassen!

Es sind Geschichten, Essays und Gedichte ebenso wie Anleitungen und Erfahrungsberichte zu frisch erfundenen kreativen Schreibspielen. Nachzulesen sind sie in den Segeberger Briefen. Diese knapp 200-seitigen Büchlein, jeweils mit unterschiedlichem Tagungsmotto, bieten SchreiblehrerInnen und Schreiberlingen endlos viele Anregungen. Den TagungsteilnehmerInnen sind sie zudem eine schöne Erinnerung an intensive Schreibtage unter Gleichgesinnten.

Vom 3. bis 6. März 2016 tagen „die Segeberger“ in Münster, Motto: „Fluchten, Grenzgänge.“ Mittels Poesie und Literatur suchen die TeilnehmerInnen dann kreativ Fragen und Antworten zum Flucht-Thema. Wie waren Leben und Alltag vor der Flucht? Wie verarbeitet man den Verlust derer, die man liebt? Weitere Fragen, Denkansätze und Infos stehen im Vorbereitungsbrief, den auch Nicht-Mitglieder beim Segeberger Kreis bestellen können. Ob Mitglied oder nicht, alle Schreibbegeisterten sind bei der Tagung willkommen, wenn sie sich bis 10. Februar verbindlich anmelden.

Weitere Infos: http://www.segeberger-kreis.de/jahrestagung

Handgepäck für Schreibreisende

REZENSION: Entdeckt und sofort genutzt, den Reiseführer speziell für Schreiberlinge und Lesegenießer. „Kreativ unterwegs“ heißt das 92-seitige Taschenbuch, das es auch als eBook gibt. Verteilt auf zwanzig Kapitel präsentiert Autorin und Schreibdozentin Isa Schikorsky zwanzig „Schöne Orte zum Schreiben und Literaturerleben“. Literarische Besonderheiten der nicht alltäglichen Urlaubsorte sowie passende Schreibanregungen und Lese-Tipps erwecken den Wunsch, sofort dorthin aufzubrechen. Wie praktisch, im gleichen Kapitel zu lesen, wie man hinkommt und wo man vor Ort gut übernachten kann.

„Lernen Sie interessante Schreiborte in Deutschland kennen. (…) Was Sie brauchen, finden Sie in diesem Buch“, verspricht Isa Schikorsky in ihrem Vorwort. Ob es das Versprechen hält? Als langjährige Anbieterin von Stilistico-Schreibreisen konnte die Autorin aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen. Klar strukturiert und informativ wirkt das Buch schon auf den ersten Blick. Einer der vorgestellten Orte ist Dresden, wo ich neulich mit diesem Reiseführer kreativ unterwegs war. Zur Inspiration schickte er mich in Dresdens Neustadt auf Erich Kästners Spuren. Dort könne ich herausfinden, „was einen erfolgreichen Kinderbuchautor auszeichnet.“

Um Kästners „Geheimrezept für den Erfolg“ auszuprobieren, bietet das Kreativ-Buch zwei Schreibanregungen. Diese und alle anderen Schreibimpulse kann man gut auch woanders nutzen. Meine Texte dazu entstanden im Kellergewölbe der Frauenkirche. Besonders inspiriert und fasziniert haben mich Kästners Kindheitserinnerungen „Als ich ein kleiner Junge war“und das Erich-Kästner-Museum in der alten Villa seines Onkels – beides Tipps aus Isa Schikorskys Reiseführer. Ohne den hätte ich in der wiederaufgebauten Kulturstätte Essenzielles verpasst.

Fazit:
Empfehlenswert für alle, die gern schreiben und sich für Literatur interessieren.

Im Urlaub erreichbar?

SMARTPHONEKOLUMNE: „Warum reagierst du nicht auf meine Nachricht?“, appellierte meine Schwester an mein Mitgefühl, vier Stunden nachdem sie mir ein Gesundheitsproblem geschildert hatte, ebenfalls per What’s App. „Weil ich in Urlaub bin“, antwortete ich postwendend vom Strandkorb aus. „Alles Gute, melde mich, wenn’s passt.“ Prompt hatte ich keine Lust mehr auf den Roman, den ich soeben als eBook auf mein Smartphone heruntergeladen hatte. Meine Gedanken kreisten um die fehlende Rücksicht Daheimgebliebener gegenüber Urlaubern auf Alltagsflucht. Ich erinnerte mich an eine Freundin, die mich während meines Frankreichurlaubs online mit einem lange währenden Problem konfrontierte. Zu dessen Lösung sollte ich schnell mal eben beitragen, möglichst vor ihrem wohlverdienten Urlaub in die Türkei. Oben auf dem Eiffelturm beschloss ich, ihr die Antwort per Email in die Türkei zu schicken. Zurück in Deutschland ließ ich das dann doch bleiben. Schließlich ging ich davon aus, dass die meisten Leute sich im Urlaub erholen wollen. Nervige Nachrichten per Email, What’s App oder SMS mindern die Erholung. Sie erinnern an den Alltag, den man doch gerade hinter sich lassen will. „Lass dein Smartphone zuhause, wenn du auf Reisen nicht gestört werden willst“, riet mir meine bessere Hälfte. Keine gute Idee, dem Smartphone sei dank brauche ich weder Bücher noch eBook-Reader mitzuschleppen. Allerdings könnte ich das Gerät im Urlaub dauerhaft auf Flugmodus umstellen. Um sicher nicht gestört zu werden, müsste ich dann auf den Download neuer eBooks verzichten, ebenso auf Geburtstagsgrüße und so nette Nachrichten wie die Spontan-Hochzeit einer alten Freundin. Da setze ich dann doch lieber auf den guten Willen meiner Freunde und Verwandten 😉

Neubeginn

Habe ich mich für ein Café und für einen Blog entschieden, bleibe ich treu, auch wenn ’s nicht perfekt ist. Nach zehn Jahren „Kölner Schneckenpost“ unter blog.de muss ich wechseln. Mein Lieblingscafé hat dichtgemacht und auch blog.de gibt es nur noch bis Ende diesen Jahres.

Neu hier und ein Gewohnheitstier.

1000 Schreibideen schlummern in meinem Kopf. Zum Glück gibt es andere Cafés und andere Blog-Anbieter. Beste Voraussetzung für einen Neubeginn, für weitere Kolumnen, Gedichte, Geschichten und Porträts. Nun muss ich mich nur noch für ein Kölner Café entscheiden und für http://koelnerschneckenpost.blogg.de oder https://koelnerschneckenpost.wordpress.com oder http://koelnerschneckenpost.blogger.de.

Keine Geduld.

Ich will schreiben, nicht mühsam ausprobieren,  recherchieren und Anleitungen lesen. Wie sind eure Erfahrungen? Tipps für IT-faule Blogger wie ich sind herzlich willkommen 🙂