Jussi Adler-Olsen anders

DAS ALPHABETHAUS

von Jussi Adler-Olsen, München 2012

REZENSION. In knapp 3 Tagen habe ich die 589 Seiten verteilt auf 68 Kapitel ausgelesen. Für mich war das ein echter Pageturner, denn ansonsten lese ich im Schnitt pro Monat nur ein Buch.

„Das Alphabethaus“ hatte ich mir aus einer Reihe von Romanen über Freundschaften ausgesucht, weil der Autor für gute nordische Krimis steht. Dabei ist „Das Alphabethaus“ kein Krimi. Im Mittelpunkt steht die Freundschaft der beiden Englischen Flieger-piloten James und Bryan, die während des zweiten Weltkrieges über Nazi-Deutschland abstürzen. Im Kampf ums Überleben schlüpfen sie in einem geheimen Sanatorium für hochrangige SS-Offiziere in die Rollen psychisch gestörter Patienten. Bald bemerken sie, dass sie nicht die einzigen Simulan-ten sind. Der Alltag im Sanatorium ist durch Elektroschocks und Pillen sowie dem Mobbing-Regime der anderen Simulanten geprägt und schwer erträg-lich. Einer der zwei Freunde schafft es zu fliehen. Sein Leben lang wird er es sich vorwerfen, seinen besten Freund zurückgelassen zu haben. Bis es ihn in den Siebzigern nach einer Einladung des Olympischen Komitees zurück nach Deutschland zieht. Dort macht er sich persönlich auf die Suche nach seinem Freund. Wer die Gegend um Freiburg ein wenig kennt und mag, hat wie ich noch mehr Freude daran, ihn lesend auf der Suche zu begleiten. Überhaupt scheint JAO für das Buch gründlich recherchiert zu haben.

Die Themen Freundschaft und Verge-bung ziehen sich unterschwellig durch den Roman. Sei es die Vergebung des ex-Fliegerpiloten gegenüber dem Volk, das den Krieg begann. Sei es die Vergebung zwischen Freunden. Nicht verzeihen spaltet Freundschaften und Völker – eine Erkenntnis, die wohl nie veraltet.

Zwar ist dies kein Krimi, menschliche Abgründe und Gewalt spielen hier aber eine ähnlich große Rolle wie in JAOs düsteren Skandinavien-Krimis. Beim Lesen war mir das manchmal zu viel, mich interessieren mehr die Charaktere. Davon bietet JAO jede Menge und einen guten Einblick tief hinein in die Psyche. Den fließenden Übergang zwischen geistesgestört und normal, zwischen krank und Simulant stellt er so glaubhaft dar, dass ich als Leser genauso darauf hereinfiel wie das Krankenhauspersonal, das auf seine Weise ebenfalls krank war. Statt Schwarz-Weiß-Malerei mischen sich Gut und Böse in den meisten Charakteren. Helden morden und machen Fehler, die nur schwer zu vergeben sind. Böse Gegenspieler sorgen sich um ihre Liebsten. Nur einzelne Figuren wie ‚der Postbote’ und sein Lakaie sind mir zu einseitig böse dargestellt.

Das Buch sei allen empfohlen, die Spannung und Zwischenmenschliches lieben und sich von Kriegs- und Gewaltdarstellungen nicht abschrecken lassen.