Gletscher im Wandel

Der Ausflug auf die Zugspitze war als Urlaubs-Highlight gedacht. Wie wir dachten an diesem Sommertag Tausende. Im Pulk warteten wir vorm Eingang der Seilbahn, um uns schwitzend in die Gondel zu quetschen und die felsigen Gipfel zu bestaunen. Gondel und Bergstation in knapp dreitausend Meter Höhe beeindruckten nicht weniger. Wunder der Technik. Ehrfürchtig folgten wir dem Touristenstrom, erfrischten uns in der Bio-Cafeteria und ließen uns vor bodentiefen Fenstern die Landschaft erklären.

„Hinter dem Berg befindet sich Ludwigs Schloss Neuschwanstein, vorne Rechts der Starnberger See, unten links der Eib-See. Bei den Temperaturen lässt es sich da jetzt gut aushalten.“ In epischer Breite listete der Führer mit Hut auf, was wir in diesen Gefilden noch alles besichtigen sollten. Die bayrische Touri-To-do-Liste war lang. Dabei wollte ich heute nur die Zugspitze aus der Nähe betrachten, mich an ihrem Gletscher abkühlen – was davon noch übrig ist. „Gletscherschmelze“ war mir ein Begriff, die weiß gesprenkelte Steinwüste mit eigenen Augen zu sehen, jedoch ein Schock. Auf dem verbliebenen Schmutzig-Weiß kraxeln Kinder und Erwachsene. Schlitten stehen bereit, um den kleinen Schnee-Hügel hinab zu gleiten. Nebenan gibt’s Grill-Würste und Hefeweizen, im Gebäude darüber Souvenirs vom Touri-Shop. Wo sind Schilder und Schautafeln, die den täglich Tausenden hier erklären, wie und warum das ewige Eis verschwindet und wie wir diese Entwicklung umkehren können? Nicht einmal Hinweise zur Bedeutung des Gletschers auf unser Öko-System finde ich. Dabei gibt es eine Umweltforschungsstation direkt auf der Zugspitze. Uns Touristen ist sie leider nicht zugänglich.

„Was regst du dich so auf?“, fragt meine Begleitung. „Kann man alles googeln.“ Also setze ich mich auf einen Felsen, suche online nach Antworten und fluche noch mehr, weil das Display knapp fünf Prozent Energie anzeigt. Steckdosen gibt es viele auf der Zugspitze. Und noch mehr Smartphones, fast jedem Touri sein eigenes – für die vielen Selfies, die hier täglich produziert werden. „Woher kommt der Strom dafür? Tragen nicht gerade unsere stromfressenden Geräte dazu bei, dass die Erde sich erwärmt und die Gletscher verschwinden?“ Wieder zuhause entdecke ich ein Buch, das jene Infos liefert, die mir auf der Zugspitze fehlten: Gletscher im Wandel – 125 Jahre Gletschermessdienst des Alpenvereins.

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Book versus E-Book

Erstmals seit einem Jahr habe ich mir ein Buch gekauft. Ein echtes Buch, schwer wie ein iPad und fünfmal so dick. Auf dem gelben Buchumschlag lächelt mich ein kleiner Junge an, Erich Kästner. Im Vorwort sagt er: „Manches ist bequemer geworden. Wurde es dadurch schöner?“

Zu Lebzeiten Kästners gab es weder eBooks noch eReader. Bücher kaufte man beim Buchhändler um die Ecke, ließ sich dort beraten und begeistern und kam mit stapelweise neuen Büchern nach Hause – wenn man es sich leisten konnte. Heute reicht zum Buchkauf ein einziger Klick. Bequemer: ja! Schöner?

Wer sich damals keine neuen Bücher leisten konnte oder wollte, schmökerte in der Bücherei, ließ sich von netten Bibliothekaren beraten und begeistern und kam mit stapelweise ‚neuen‘ Büchern nach Hause. Diese Variante gibt es NOCH. Zusätzlich bieten öffentliche Bibliotheken heute die ‚Onleihe‘. Laut Gebrauchsanleitung können eBücherwürmer sich per ‚Onleihe‘ bequem daheim eBooks auf den eReader laden. Nach Ablauf der Leihfrist verpufft das geliehene eBook quasi von selbst. Mahngebühren werden so nie fällig. Bequemer: Ja, wenn es funktioniert! Alle Glücklichen, die das geschafft haben, beneide ich um ihr Geschick und um ihre Geduld.

Manch ein Roman ist so klasse, dass ich FreundInnen daran teilhaben lassen will. Papierne Bücher kann ich weitergeben, aber eBooks? Bis jetzt fand ich keine Möglichkeit, sie auszuleihen, sie zu verschenken oder irgendwann mal zu vererben. Nur weiterempfehlen kann ich sie. Andere müssen sie selbst kaufen und können sie nur für sich lesen. Es sei denn, sie kennen eine Technik, die mir noch fehlt.

Was ist mit dem Leseerlebnis? So ein dickes Buch, das macht was her! Es füllt das Regal und fühlt sich gut an. Seite für Seite raschelt es beim Umblättern. Sein Geruch weckt Erinnerungen an viele spannende Lesestunden. Das Rascheln, das Umblättern, der Geruch – eines Tages ist das alles nur eine Frage der technischen eBook-Animation. Bequemer? Schöner?

Und wenn schon, die Inhalte zählen! Per Lese-App habe ich die auf dem Smart-Phone immer dabei, immer was zu lesen, in jeder Lebenslage. Sogar im Dunkeln, solange der Akku genug Strom hat. Und so wächst bei jedem meiner Geburtstage mein Stapel ungelesener Papierbücher, weil ich mit einem Klick ständig neue eBooks kaufe. Ach nein, ich kaufe nur die Lizenz, um sie zu lesen? Die eBooks gehören mir nicht, niemals? Wenigstens das war schon immer so:

Bequemlichkeit hat ihren Preis.

Vollendete Selbstzweifel

Mias Hände zitterten, als sie ihr Feuerzeug an Sol Steins Werk „Über das Schreiben“ hielt. Die Flamme war kurz davor, sich von dem Wälzer einschüchtern zu lassen. Das zischende Zitronengelb verkümmerte zu einem müden Marineblau. Die Kraft des geschriebenen Wortes war wohl stärker als die Hitze des Feuers. Kein Wunder, das Buch enthielt nicht ihre Worte, sondern die eines erfolgreichen Autors. Worte, die sie oft zum ‚besseren‘ Schreiben motiviert hatten. Worte, an die sie geglaubt hatte. Jetzt nicht mehr.

Sie warf das Buch zu den anderen Lehrbüchern in den Sand. Es prallte gegen eine Sandburg, deren Turm sofort nachgab. Sand rieselte auf die aufgeschlagenen Seiten, auf die Überschrift „Wetteifern mit Gott“. Wetteifern wollte Mia nicht mehr. Weder mit Gott noch mit sonst wem. Warum auch?

Ihre eigenen Texte würden sich leichter verbrennen lassen. Gelöscht hatte sie sie schon. Nun waren die Papiere dran. Mit gebeugtem Rücken und hängenden Schultern lief sie zu ihrem Polo zurück. Einen Meter davor blieb sie stehen, atmete tief durch und starrte auf den Deckel des Kofferraums. Möwen kreischten ihr ins Ohr, keiften mit Mias innerer Stimme um die Wette: „Ständig schreibst du nur. Für nichts und niemanden hast du Zeit. Geh lieber mehr arbeiten, wir brauchen das Geld!“

Mit beiden Händen hielt Mia sich die Ohren zu. Die Tirade ging weiter. „So kann man doch nicht schreiben, das ist Umgangssprache! Warum sind deine Geschichten immer so düster? Schreib doch mal was Schönes!“

Nichts mehr würde Mia schreiben, erst recht nichts Schönes. Schließlich gab es ‚Wichtigeres‘ zu tun im Leben. ‚Wichtiges‘, das Mia so viel leichter von der Hand ging als das Schreiben. Das ihr und ihrer Familie mehr Geld einbrachte. Wie es ihr dabei ging, interessierte niemanden. Schließlich machte ihre ‚wichtige‘ Beschäftigung sie in den Augen der anderen ‚wichtig‘. Das schien die Hauptsache im Leben ihrer Mitmenschen zu sein.

Mit einem Ruck öffnete sie den Kofferraum. Kreuz und quer verteilt lag darin der Inhalt ihres Sekretärs: ein Ordner mit ihren Kurzgeschichten, einer mit Lehrmaterialien aus verschiedenen Schreibwerkstätten, ein Hefter mit Ideensammlungen, ein Dutzend Notizblöcke und eine Mappe mit ihrem unvollendeten Roman. Vor lauter Wut hatte sie die Sachen vorhin einfach nur ins Auto geschleudert.

Nun griff sie nach ihrer roten Einkaufsbox, klappte sie auseinander und stellte sie auf den Asphalt. Wie ihr Feuerzeug gehörte die Plastikbox zum Inventar ihres alten Gefährts. Mia beugte sich über die Heckklappe und griff hinein in ihren papiernen Lebensinhalt der letzten Monate und Jahre. Die Papiere, Hefte und Bücher waren immer so geduldig gewesen, so tröstlich. Darauf wollte sie ab heute verzichten? Mias Brust zog sich zusammen. Ein dumpfer Schmerz, er würde vorüber gehen.

Tom hatte recht. Sie hatte übertrieben, dem Schreiben zu viel Zeit gewidmet, vergessen, dass es nur ein Hobby war. Aber musste er sie deshalb vor die Wahl stellen? Okay, das Geld war knapp geworden. Und schreibend würde Mia daran nichts ändern können.

Mit glasigen Augen befüllte sie die Einkaufsbox mit den wertlosen Dingen, deren Wert ihr Selbstbewusstsein bestimmten. Sie keuchte, als sie die Box hob und zum Strand hinunter schleppte. Rückengymnastik hatte der Orthopäde ihr empfohlen. Wann hätte sie das neben Haushalt, Kindern, Schreiben und Arbeiten noch tun sollen?

Am Strand erwartete Mia eine Wand aus Nebelschwaden. Das Meer hatte sich dahinter zurückgezogen. Auf der Suche nach ihrer Feuerstelle stolperte Mia über die Bücher von Sol Stein und den anderen Schreibratgebern. Die Box rutschte ihr aus der Hand. Mappen und Loseblattsammlungen landeten im Sand. Ein Zeichen? Mia nahm einen tiefen Atemzug und ging inmitten der Papiere und Bücher in die Knie. Zeit, das Ende einzuläuten. Sie verschob den Regler ihres Feuerzeugs bis die Stichflamme groß genug war, einen Wald in Brand zu setzen. Mia hielt sie an ihre Ideensammlung und hörte ihr Herz klopfen. Mit unstillbarem Hunger liebkoste die Flamme das Papier. Nach fünf Atemzügen brannte die Sammlung wie ein Lagerfeuer.

Den Wanderer bemerkte Mia, als er hinter ihr stand. Ein Hüsteln und ein Tippen auf ihrer Schulter ließen sie aufspringen und herumfahren. Vor ihr stand ein Mann mit weißer Mähne und Seemannsbärtchen. Hinter den Brillengläsern wirkten seine Augen wie Fische auf dem Trockenen.

„Ich wollte Sie nicht erschrecken, meine Liebste. Aber Sie haben mich erschreckt.“

Er zeigte auf die Flammen. „Zündeln ist hier strengstens verboten. Wegen der Brandgefahr.“

„Oh. Ich wusste nicht … Entschuldigung!“

„Kein Problem, ich habe immer alles dabei.“ Der Mann kramte ein Tuch aus seinem Rucksack und warf es über die Flammen. „Gefahr gebannt.“
 Sein Blick fiel auf die Bücher im Sand. Er ging in die Hocke und nahm den angesengten Sol Stein in die Hand. „Das schöne Buch wollen Sie verbrennen? Und das? Und das auch?“ Er blickte zu Mia hoch. „Eine Bücherverbrennung. Warum?“

Mia spürte, wie ihr Hitze ins Gesicht stieg. Der Wanderer mit den Sorgenfalten erinnerte sie an ihren Großvater. Dem einzigen Menschen, der immer ein offenes Ohr und einen guten Rat für sie gehabt hatte. Jeden Anderen würde sie jetzt wegschicken. Niemandem ging diese Aktion etwas an.

Mia setzte sich neben ihn in den Sand, sah zu Boden und rieb sich die Stirn. „Die Bücher können nichts dafür. Ich hab vorhin wohl etwas überreagiert.“

Mit der Würde eines Grabredners strich der Mann über die Buchtitel. „Bücher über das Schreiben. Ich kenne sie fast alle.“

„Schreiben Sie auch?“

„Wenn die Zeit es erlaubt.“

War das Wehmut in seiner Stimme?

„Das kenne ich.“ Sie seufzte. „Nur wird die Zeit es mir bald gar nicht mehr erlauben.“

Er stützte sich seitlich ab, setzte sich in den Sand und sah sie fragend an.

„Ich soll einen neuen Job antreten. Einen Karrierejob mit vielen Überstunden. Wir brauchen das Geld.“

„Und deshalb willst du – darf ich ‚du‘ sagen?“ Er hielt ihr die Hand hin. „Friedrich Silbernagel.“

Sie legte ihre Hand in die seine. „Gern. Mia.“

„Deshalb willst du das alles hier verbrennen?“

Mia zog die Schultern hoch. „Die Bücher wohl doch nicht. Auf jeden Fall aber den Schrott hier.“ Sie zeigte auf die übrig gebliebenen Papiere.

„Da steckt doch bestimmt viel Arbeit drin.“

„Viel zu viel Zeit habe ich ich mit diesem blöden Roman verschwendet. Was ich auch versuche, ich kriege ihn nicht rund.“
Friedrich beugte sich darüber.

„Darf ich?“

„Von mir aus können Sie ihn behalten. Dann brauche ich ihn nicht zu verbrennen. Ist hier ja eh verboten.“

„Im Ernst?“ Er drückte den Stapel Papier an seine Brust. „Es ist mir eine Ehre, dieses unvollendete Werk lesen zu dürfen.“

„Und mir eine Freude, den Mist endgültig los zu sein.“

Friedrich packte den Stapel in seinen Rucksack, verabschiedete sich und verschwand im Nebel. Mia blieb am Strand zurück, zusammen mit den Lehrbüchern. Sie fühlte sich befreit und zugleich leer. Ihr Blick hing an den Nebelschwaden, an einer Zukunft, die nicht ihre war.

Später in der Zeitung:

PREISGEKRÖNTES DEBÜT ZUM EINUNDACHTZIGSTEN

Mit seinem Erstlingswerk „Endstation Hoffnung“ erzielte Friedrich Silbernagel (81) den Deutschen Buchpreis. Die Jury lobte die erfrischende Sprache und das Hineindenken des Autors in jüngere Generationen. In seiner Dankesrede gab Silbernagel das Lob an eine gewisse Mia weiter, die ihn am Nordsee-Strand zu seinem Erfolgsroman inspiriert habe. Ihr und allen Selbstzweiflern sei das Buch gewidmet.

 

John Irvings Bestseller-Tipps

In seinem Roman „Letzte Nacht in Twisted River“ und bei einigen Lesungen gibt John Irving seine Herangehensweise beim Schreiben preis. Für alle, die von dem erfahrenen Autor lernen wollen, fasse ich hier seine Schreibregeln zusammen:

1.
Bevor Irving mit dem Schreiben einer Geschichte beginnt, kennt er den detaillierten Plot und den letzten Satz. So braucht er sich beim Schreiben nur auf Stil und Formulierungen zu konzentrieren.

2.
Figuren und Plot entwickeln sich langsam im Kopf des Autors. Während er über die jeweilige Figur und deren Stellung in der Story nachdenkt, fallen ihm wohl klingende Sätze ein. Diese heftet er an an die Wand, denn sie sind „Markierungen oder Wegweiser, die ihm bei der Orientierung helfen, während er das Kapitel verfasst.“

3.
Den Einstieg seiner Geschichten bildet meistens ein gravierendes Geschehnis, das bereits seinen Lauf nimmt und bei dem es kein Zurück mehr gibt.

4.
Irvings Figuren durchleben dessen schlimmsten Ängste und Alpträume, wodurch der Autor diese letztlich selbst verarbeitet.

5.
Wahre Gegebenheiten eignen sich nur dann als Stoff für fiktive Geschichten, wenn der Autor sie für für den Leser interessant macht. Irving erreicht das durch drei Mittel: Distanzierung, Übertreibung und Verfremdung.

6.
Gerade prägende Erlebnisse verwertet und verfremdet Irving in seinen Geschichten nur mit zeitlicher und innerer Distanz.

7.
Zusätzliche Spannung erzeugt Irving, indem er seinen Lesern einen Wissensvorsprung gegenüber den Protagonisten einräumt. Auch wenn der Leser das Ende ahnt, so bleibt er gespannt, wie es dazu kommen wird.

8.
Unwissen und Missverständnisse bei den Romanfiguren bewirken diese zusätzliche Spannung. Bei Figuren im Kindesalter sind Wissenslücken am leichtesten nachvollziehbar. Während des Heranwachsens schließen sich die Lücken, aber erst nachdem sie im Roman so Einiges angerichtet und die Geschichte vorangetrieben haben.

Welche dieser Bestseller-Regeln hältst du für die effektivste? Wieso?

Schreiben zwischen Traum und Albtraum

BESTSELLERKOLUMNE. Spannend und geheimnisvoll soll mein Bestseller sein, ein echter Page-Turner, den ich erst aus der Hand lege, wenn ich ihn ausgelesen habe. Danach warte ich auf, nein schreibe ich direkt selbst meinen nächsten Bestseller. Um das zu schaffen soll das Page-Turnen bitte schon beim Schreiben einsetzen, sonst werde ich wohl nie über die ersten dreißig Seiten hinauskommen.

Beim Lesen und beim Schreiben soll mein eigener Bestseller mich zum Denken anregen. Er soll mir einen Spiegel vorhalten und existenzielle Fragen aufwerfen, die mich im Alltag nicht loslassen. Erkenntnisse will ich daraus gewinnen, mich persönlich weiterentwickeln und natürlich auch meine Schreibfertigkeit verbessern.

Schon während der Entstehung soll der Bestseller zu meinem Lieblingsbuch avancieren. Nicht nur, weil er mich hoffentlich bald reich macht, sondern weil sein Inhalt mich berührt, weil die geschaffene Welt und die Figuren darin mich faszinieren, weil ich nicht genug von davon kriegen kann, das Buch immer wieder lesen muss, bis ich es in- und auswendig kenne.

Zu dumm, dass ich den Inhalt schon daher beten kann, bevor die erste Zeile auf Papier steht. Auch über die Figuren weiß ich mehr, als alle Leser zusammen jemals erfahren werden. Noch vor dem Druck kommen die tollen Erkenntnisse mir abgenutzt vor. Auch die Geheimnisse in dem Buch wirken in meinen Augen alles andere als geheimnisvoll. Schließlich wusste ich das alles schon beim Plotten.

Nun drängt der Verlag und langweilt mich mein Bestseller. Dreißig Seiten habe ich geschrieben, dreihundert sollen es werden. Die Langeweile nimmt zu, die Seitenzahl nicht. Jede einzelne Seite will ich auf Eis legen, ob mich das befreit? Den Verlag könnte ich vertrösten: Hier ein Interview, dort ein schickes Foto, ein paar Skandälchen gleich dazu. Spannend und geheimnisvoll werde ich sein, wie mein Bestseller.

Schreibend Kunst erfahren

Trotz Fensterfronten wirkt die Kunsthalle Lindenthal an der Aachener Straße in Köln geheimnisvoll. Wer sich die Nase am Fenster plattdrückt, sieht Säulen und Böden aus Beton unter meterhohen Decken. Im März blitzten dort, zwischen Bänken und Beton, dunkle Skulpturen und bunte Bilder auf. Der Kontrast machte neugierig. Mit Stift und Papier wagten wir schreibwütigen Frauen uns in die Halle hinein. Die farbenfrohe Bilderausstellung des russischen Künstlerpaares Djoma und Michail Kudinow bot zusammen mit den afrikanischen Skulpturen des befreundeten Paares Klein eine perfekte Umgebung für kreative Schreibergüsse. Wie Kunstsammler Michael Klein verriet und alle ahnten, hat die Sammlung afrikanischer Stammeskunst seine russischen Freunde zu einigen Werken inspiriert. Ebenso haben einzelne Bilder die vor Ort entstandenen Texte stark beeinflusst. Beim Erschreiben der Kunstwerke erfuhren wir Geschichten ihrer gastfreundlichen Sammler und Erschaffer und erspürten wir uns selbst. Die Ausstellungsstücke und die gesamte Ausstellung gewannen damit noch mehr an Faszination. Das Geheimnis der Kunsthalle Lindenthal ist gelüftet. Bei der nächsten Ausstellung gehe ich direkt hinein, statt mir am Fenster die Nase platt zu drücken – am besten gleich mit Stift und Papier und ganz viel Zeit.