Selbstzweifel

Vorab ein paar einleitende Worte der Autorin dieser Kurzgeschichte: Natürlich findet sich in „Selbstzweifel“ einiges von mir. Ich schreibe leidenschaftlich gern. Und wie die Hauptfigur Mia tue ich mich schwer, meinen Roman zu beenden. Aber nie nie nie würde ich meine Geschichten verbrennen wollen. Mias Begegnung am Strand ist mir allerdings kürzlich so ähnlich im Offenen SchreibCafé begegnet, woraufhin ich die Story ein wenig überarbeitet habe. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten – Fortsetzung folgt …

Mias Hände zitterten, als sie ihr Feuerzeug an Sol Steins Werk „Über das Schreiben“ hielt. Die Flamme war kurz davor, sich von dem Wälzer einschüchtern zu lassen. Das zischende Zitronengelb verkümmerte zu einem müden Marineblau. Die Kraft des geschriebenen Wortes war wohl stärker als die Hitze des Feuers. Kein Wunder, das Buch enthielt nicht ihre Worte, sondern die eines erfolgreichen Autors. Worte, die sie oft zum ‚besseren‘ Schreiben motiviert hatten. Worte, an die sie geglaubt hatte. Jetzt nicht mehr.

Sie warf das Buch zu den anderen Lehrbüchern in den Sand. Es prallte gegen eine Sandburg, deren Turm sofort nachgab. Sand rieselte auf die aufgeschlagenen Seiten, auf die Überschrift „Wetteifern mit Gott“. Wetteifern wollte Mia nicht mehr. Weder mit Gott noch mit sonst wem. Warum auch?

Ihre eigenen Texte würden sich leichter verbrennen lassen. Gelöscht hatte sie sie schon. Nun waren die Papiere dran. Mit gebeugtem Rücken und hängenden Schultern lief sie zu ihrem Polo zurück. Einen Meter davor blieb sie stehen, atmete tief durch und starrte auf den Deckel des Kofferraums. Möwen kreischten ihr ins Ohr, keiften mit Mias innerer Stimme um die Wette: „Ständig schreibst du nur. Für nichts und niemanden hast du Zeit. Geh lieber mehr arbeiten, wir brauchen das Geld!“

Mit beiden Händen hielt Mia sich die Ohren zu. Die Tirade ging weiter. „So kann man doch nicht schreiben, das ist Umgangssprache! Warum sind deine Geschichten immer so düster? Schreib doch mal was Schönes!“

Nichts mehr würde Mia schreiben, erst recht nichts Schönes. Schließlich gab es ‚Wichtigeres‘ zu tun im Leben. ‚Wichtiges‘, das Mia so viel leichter von der Hand ging als das Schreiben. Das ihr und ihrer Familie mehr Geld einbrachte. Wie es ihr dabei ging, interessierte niemanden. Schließlich machte ihre ‚wichtige‘ Beschäftigung sie in den Augen der anderen ‚wichtig‘. Das schien die Hauptsache im Leben ihrer Mitmenschen zu sein.

Mit einem Ruck öffnete sie den Kofferraum. Kreuz und quer verteilt lag darin der Inhalt ihres Sekretärs: ein Ordner mit ihren Kurzgeschichten, einer mit Lehrmaterialien aus verschiedenen Schreibwerkstätten, ein Hefter mit Ideensammlungen, ein Dutzend Notizblöcke und eine Mappe mit ihrem unvollendeten Roman. Vor lauter Wut hatte sie die Sachen vorhin einfach nur ins Auto geschleudert.

Nun griff sie nach ihrer roten Einkaufsbox, klappte sie auseinander und stellte sie auf den Asphalt. Wie ihr Feuerzeug gehörte die Plastikbox zum Inventar ihres alten Gefährts. Mia beugte sich über die Heckklappe und griff hinein in ihren papiernen Lebensinhalt der letzten Monate und Jahre. Die Papiere, Hefte und Bücher waren immer so geduldig gewesen, so tröstlich. Darauf wollte sie ab heute verzichten? Mias Brust zog sich zusammen. Ein dumpfer Schmerz, er würde vorüber gehen.

Tom hatte recht. Sie hatte übertrieben, dem Schreiben zu viel Zeit gewidmet, vergessen, dass es nur ein Hobby war. Aber musste er sie deshalb vor die Wahl stellen? Okay, das Geld war knapp geworden. Und schreibend würde Mia daran nichts ändern können.

Mit glasigen Augen befüllte sie die Einkaufsbox mit den wertlosen Dingen, deren Wert ihr Selbstbewusstsein bestimmten. Sie keuchte, als sie die Box hob und zum Strand hinunter schleppte. Rückengymnastik hatte der Orthopäde ihr empfohlen. Wann hätte sie das neben Haushalt, Kindern, Schreiben und Arbeiten noch tun sollen?

Am Strand erwartete Mia eine Wand aus Nebelschwaden. Das Meer hatte sich dahinter zurückgezogen. Auf der Suche nach ihrer Feuerstelle stolperte Mia über die Bücher von Sol Stein und den anderen Schreibratgebern. Die Box rutschte ihr aus der Hand. Mappen und Loseblattsammlungen landeten im Sand. Ein Zeichen? Mia nahm einen tiefen Atemzug und ging inmitten der Papiere und Bücher in die Knie. Zeit, das Ende einzuläuten. Sie verschob den Regler ihres Feuerzeugs bis die Stichflamme groß genug war, einen Wald in Brand zu setzen. Mia hielt sie an ihre Ideensammlung und hörte ihr Herz klopfen. Mit unstillbarem Hunger liebkoste die Flamme das Papier. Nach fünf Atemzügen brannte die Sammlung wie ein Lagerfeuer.

Den Wanderer bemerkte Mia, als er hinter ihr stand. Ein Hüsteln und ein Tippen auf ihrer Schulter ließen sie aufspringen und herumfahren. Vor ihr stand ein Mann mit weißer Mähne und Seemannsbärtchen. Hinter den Brillengläsern wirkten seine Augen wie Fische auf dem Trockenen.

„Ich wollte Sie nicht erschrecken, meine Liebste. Aber Sie haben mich erschreckt.“

Er zeigte auf die Flammen. „Zündeln ist hier strengstens verboten. Wegen der Brandgefahr.“

„Oh. Ich wusste nicht … Entschuldigung!“

„Kein Problem, ich habe immer alles dabei.“ Der Mann kramte ein Tuch aus seinem Rucksack und warf es über die Flammen. „Gefahr gebannt.“
 Sein Blick fiel auf die Bücher im Sand. Er ging in die Hocke und nahm den angesengten Sol Stein in die Hand. „Das schöne Buch wollen Sie verbrennen? Und das? Und das auch?“ Er blickte zu Mia hoch. „Eine Bücherverbrennung. Warum?“

Mia spürte, wie ihr Hitze ins Gesicht stieg. Der Wanderer mit den Sorgenfalten erinnerte sie an ihren Großvater. Dem einzigen Menschen, der immer ein offenes Ohr und einen guten Rat für sie gehabt hatte. Jeden Anderen würde sie jetzt wegschicken. Niemandem ging diese Aktion etwas an.

Mia setzte sich neben ihn in den Sand, sah zu Boden und rieb sich die Stirn. „Die Bücher können nichts dafür. Ich hab vorhin wohl etwas überreagiert.“

Mit der Würde eines Grabredners strich der Mann über die Buchtitel. „Bücher über das Schreiben. Ich kenne sie fast alle.“

„Schreiben Sie auch?“

„Wenn die Zeit es erlaubt.“

War das Wehmut in seiner Stimme?

„Das kenne ich.“ Sie seufzte. „Nur wird die Zeit es mir bald gar nicht mehr erlauben.“

Er stützte sich seitlich ab, setzte sich in den Sand und sah sie fragend an.

„Ich soll einen neuen Job antreten. Einen Karrierejob mit vielen Überstunden. Wir brauchen das Geld.“

„Und deshalb willst du – darf ich ‚du‘ sagen?“ Er hielt ihr die Hand hin. „Friedrich Silbernagel.“

Sie legte ihre Hand in die seine. „Gern. Mia.“

„Deshalb willst du das alles hier verbrennen?“

Mia zog die Schultern hoch. „Die Bücher wohl doch nicht. Auf jeden Fall aber den Schrott hier.“ Sie zeigte auf die übrig gebliebenen Papiere.

„Da steckt doch bestimmt viel Arbeit drin.“

„Viel zu viel Zeit habe ich ich mit diesem blöden Roman verschwendet. Was ich auch versuche, ich kriege ihn nicht rund.“
Friedrich beugte sich darüber.

„Darf ich?“

„Von mir aus können Sie ihn behalten. Dann brauche ich ihn nicht zu verbrennen. Ist hier ja eh verboten.“

„Im Ernst?“ Er drückte den Stapel Papier an seine Brust. „Es ist mir eine Ehre, dieses unvollendete Werk lesen zu dürfen.“

„Und mir eine Freude, den Mist endgültig los zu sein.“

Friedrich packte den Stapel in seinen Rucksack, verabschiedete sich und verschwand im Nebel. Mia blieb am Strand zurück, zusammen mit den Lehrbüchern. Sie fühlte sich befreit und zugleich leer. Ihr Blick hing an den Nebelschwaden, an einer Zukunft, die nicht ihre war.

Viele Monate später stieß Mia auf einen ausführlichen Zeitungsbeitrag von Lena Grünwald:

SELBSTZWEIFEL PREISGEKRÖNT

Mit dem Roman „Endstation Hoffnung“ überzeugte Friedrich Silbernagel (71) die Jury des Deutschen Buchpreises. Einstimmig lobten die Jury-Mitglieder die erfrischende Sprache und das Hineindenken in jüngere Generationen. In einer emotionalen Rede gab Silbernagel das Lob an eine gewisse Mia weiter, die ihn am Nordsee-Strand inspiriert habe. Ihr und allen Selbstzweiflern sei das Buch gewidmet …

 

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Offenes Schreibcafé

TIPP: Beim Schreiben fällt dir die Decke auf den Kopf? Du sehnst dich nach nicht virtuellem Austausch mit Gleichgesinnten, willst oder musst aber an deinem Schreibprojekt weiterarbeiten? Ging mir genauso, deshalb habe ich das Offene Schreibcafé gegründet. Jeden Dienstagmorgen um halb elf treffen sich hier Gern- und VielschreiberInnen, um im schönen Ambiente des Eventcafés Rhythm & Shake an eigenen Projekten zu schreiben und während der Pausen gemütlich zu klönen. Ich schreibe selber mit und achte darauf, dass wir die Zeiten einhalten:

  • 10:30-11:00 Uhr Klön-Zeit
  • 11:00-11:45 Uhr Schreib-Zeit
  • 11:45-12:15 Uhr Klön-Zeit
  • 12:15:13:00 Uhr Schreib-Zeit

Einige schreiben anschließend im Café fleißig weiter …

Egal ob du an Gedichten feilst oder bloggst, Kurzgeschichten, Romane oder was auch immer schreibst, ob mit Stift und Kladde oder mit Notebook und eigenem Strom, du bist herzlich willkommen! Die selbstgemachten Limonaden, FroYo’s und Kaffees hier sind übrigens vorzüglich 🙂

LOCATION: Eventcafé Rhythm & Shake, Unter Linden 240, in 50859 Köln (Widdersdorf), Tel. 01577 9732969, Email: rhythmandshake@gmail.com

Hinweis: Das Schreibcafé findet nur während der Geschäftszeiten des Eventcafés statt. Bei weiter Anreise besser vorher im Café nachfragen.

Jussi Adler-Olsen anders

DAS ALPHABETHAUS

von Jussi Adler-Olsen, München 2012

REZENSION. In knapp 3 Tagen habe ich die 589 Seiten verteilt auf 68 Kapitel ausgelesen. Für mich war das ein echter Pageturner, denn ansonsten lese ich im Schnitt pro Monat nur ein Buch.

„Das Alphabethaus“ hatte ich mir aus einer Reihe von Romanen über Freundschaften ausgesucht, weil der Autor für gute nordische Krimis steht. Dabei ist „Das Alphabethaus“ kein Krimi. Im Mittelpunkt steht die Freundschaft der beiden Englischen Flieger-piloten James und Bryan, die während des zweiten Weltkrieges über Nazi-Deutschland abstürzen. Im Kampf ums Überleben schlüpfen sie in einem geheimen Sanatorium für hochrangige SS-Offiziere in die Rollen psychisch gestörter Patienten. Bald bemerken sie, dass sie nicht die einzigen Simulan-ten sind. Der Alltag im Sanatorium ist durch Elektroschocks und Pillen sowie dem Mobbing-Regime der anderen Simulanten geprägt und schwer erträg-lich. Einer der zwei Freunde schafft es zu fliehen. Sein Leben lang wird er es sich vorwerfen, seinen besten Freund zurückgelassen zu haben. Bis es ihn in den Siebzigern nach einer Einladung des Olympischen Komitees zurück nach Deutschland zieht. Dort macht er sich persönlich auf die Suche nach seinem Freund. Wer die Gegend um Freiburg ein wenig kennt und mag, hat wie ich noch mehr Freude daran, ihn lesend auf der Suche zu begleiten. Überhaupt scheint JAO für das Buch gründlich recherchiert zu haben.

Die Themen Freundschaft und Verge-bung ziehen sich unterschwellig durch den Roman. Sei es die Vergebung des ex-Fliegerpiloten gegenüber dem Volk, das den Krieg begann. Sei es die Vergebung zwischen Freunden. Nicht verzeihen spaltet Freundschaften und Völker – eine Erkenntnis, die wohl nie veraltet.

Zwar ist dies kein Krimi, menschliche Abgründe und Gewalt spielen hier aber eine ähnlich große Rolle wie in JAOs düsteren Skandinavien-Krimis. Beim Lesen war mir das manchmal zu viel, mich interessieren mehr die Charaktere. Davon bietet JAO jede Menge und einen guten Einblick tief hinein in die Psyche. Den fließenden Übergang zwischen geistesgestört und normal, zwischen krank und Simulant stellt er so glaubhaft dar, dass ich als Leser genauso darauf hereinfiel wie das Krankenhauspersonal, das auf seine Weise ebenfalls krank war. Statt Schwarz-Weiß-Malerei mischen sich Gut und Böse in den meisten Charakteren. Helden morden und machen Fehler, die nur schwer zu vergeben sind. Böse Gegenspieler sorgen sich um ihre Liebsten. Nur einzelne Figuren wie ‚der Postbote’ und sein Lakaie sind mir zu einseitig böse dargestellt.

Das Buch sei allen empfohlen, die Spannung und Zwischenmenschliches lieben und sich von Kriegs- und Gewaltdarstellungen nicht abschrecken lassen.

Book versus E-Book

Erstmals seit einem Jahr habe ich mir ein Buch gekauft. Ein echtes Buch, schwer wie ein iPad und fünfmal so dick. Auf dem gelben Buchumschlag lächelt mich ein kleiner Junge an, Erich Kästner. Im Vorwort sagt er: „Manches ist bequemer geworden. Wurde es dadurch schöner?“

Zu Lebzeiten Kästners gab es weder eBooks noch eReader. Bücher kaufte man beim Buchhändler um die Ecke, ließ sich dort beraten und begeistern und kam mit stapelweise neuen Büchern nach Hause – wenn man es sich leisten konnte. Heute reicht zum Buchkauf ein einziger Klick. Bequemer: ja! Schöner?

Wer sich damals keine neuen Bücher leisten konnte oder wollte, schmökerte in der Bücherei, ließ sich von netten Bibliothekaren beraten und begeistern und kam mit stapelweise ‚neuen‘ Büchern nach Hause. Diese Variante gibt es NOCH. Zusätzlich bieten öffentliche Bibliotheken heute die ‚Onleihe‘. Laut Gebrauchsanleitung können eBücherwürmer sich per ‚Onleihe‘ bequem daheim eBooks auf den eReader laden. Nach Ablauf der Leihfrist verpufft das geliehene eBook quasi von selbst. Mahngebühren werden so nie fällig. Bequemer: Ja, wenn es funktioniert! Alle Glücklichen, die das geschafft haben, beneide ich um ihr Geschick und um ihre Geduld.

Manch ein Roman ist so klasse, dass ich FreundInnen daran teilhaben lassen will. Papierne Bücher kann ich weitergeben, aber eBooks? Bis jetzt fand ich keine Möglichkeit, sie auszuleihen, sie zu verschenken oder irgendwann mal zu vererben. Nur weiterempfehlen kann ich sie. Andere müssen sie selbst kaufen und können sie nur für sich lesen. Es sei denn, sie kennen eine Technik, die mir noch fehlt.

Was ist mit dem Leseerlebnis? So ein dickes Buch, das macht was her! Es füllt das Regal und fühlt sich gut an. Seite für Seite raschelt es beim Umblättern. Sein Geruch weckt Erinnerungen an viele spannende Lesestunden. Das Rascheln, das Umblättern, der Geruch – eines Tages ist das alles nur eine Frage der technischen eBook-Animation. Bequemer? Schöner?

Und wenn schon, die Inhalte zählen! Per Lese-App habe ich die auf dem Smart-Phone immer dabei, immer was zu lesen, in jeder Lebenslage. Sogar im Dunkeln, solange der Akku genug Strom hat. Und so wächst bei jedem meiner Geburtstage mein Stapel ungelesener Papierbücher, weil ich mit einem Klick ständig neue eBooks kaufe. Ach nein, ich kaufe nur die Lizenz, um sie zu lesen? Die eBooks gehören mir nicht, niemals? Wenigstens das war schon immer so:

Bequemlichkeit hat ihren Preis.

John Irvings Bestseller-Tipps

In seinem Roman „Letzte Nacht in Twisted River“ und bei einigen Lesungen gibt John Irving seine Herangehensweise beim Schreiben preis. Für alle, die von dem erfahrenen Autor lernen wollen, fasse ich hier seine Schreibregeln zusammen:

1.
Bevor Irving mit dem Schreiben einer Geschichte beginnt, kennt er den detaillierten Plot und den letzten Satz. So braucht er sich beim Schreiben nur auf Stil und Formulierungen zu konzentrieren.

2.
Figuren und Plot entwickeln sich langsam im Kopf des Autors. Während er über die jeweilige Figur und deren Stellung in der Story nachdenkt, fallen ihm wohl klingende Sätze ein. Diese heftet er an an die Wand, denn sie sind „Markierungen oder Wegweiser, die ihm bei der Orientierung helfen, während er das Kapitel verfasst.“

3.
Den Einstieg seiner Geschichten bildet meistens ein gravierendes Geschehnis, das bereits seinen Lauf nimmt und bei dem es kein Zurück mehr gibt.

4.
Irvings Figuren durchleben dessen schlimmsten Ängste und Alpträume, wodurch der Autor diese letztlich selbst verarbeitet.

5.
Wahre Gegebenheiten eignen sich nur dann als Stoff für fiktive Geschichten, wenn der Autor sie für für den Leser interessant macht. Irving erreicht das durch drei Mittel: Distanzierung, Übertreibung und Verfremdung.

6.
Gerade prägende Erlebnisse verwertet und verfremdet Irving in seinen Geschichten nur mit zeitlicher und innerer Distanz.

7.
Zusätzliche Spannung erzeugt Irving, indem er seinen Lesern einen Wissensvorsprung gegenüber den Protagonisten einräumt. Auch wenn der Leser das Ende ahnt, so bleibt er gespannt, wie es dazu kommen wird.

8.
Unwissen und Missverständnisse bei den Romanfiguren bewirken diese zusätzliche Spannung. Bei Figuren im Kindesalter sind Wissenslücken am leichtesten nachvollziehbar. Während des Heranwachsens schließen sich die Lücken, aber erst nachdem sie im Roman so Einiges angerichtet und die Geschichte vorangetrieben haben.

Welche dieser Bestseller-Regeln hältst du für die effektivste? Wieso?

Schreiben zwischen Traum und Albtraum

BESTSELLERKOLUMNE. Spannend und geheimnisvoll soll mein Bestseller sein, ein echter Page-Turner, den ich erst aus der Hand lege, wenn ich ihn ausgelesen habe. Danach warte ich auf, nein schreibe ich direkt selbst meinen nächsten Bestseller. Um das zu schaffen soll das Page-Turnen bitte schon beim Schreiben einsetzen, sonst werde ich wohl nie über die ersten dreißig Seiten hinauskommen.

Beim Lesen und beim Schreiben soll mein eigener Bestseller mich zum Denken anregen. Er soll mir einen Spiegel vorhalten und existenzielle Fragen aufwerfen, die mich im Alltag nicht loslassen. Erkenntnisse will ich daraus gewinnen, mich persönlich weiterentwickeln und natürlich auch meine Schreibfertigkeit verbessern.

Schon während der Entstehung soll der Bestseller zu meinem Lieblingsbuch avancieren. Nicht nur, weil er mich hoffentlich bald reich macht, sondern weil sein Inhalt mich berührt, weil die geschaffene Welt und die Figuren darin mich faszinieren, weil ich nicht genug von davon kriegen kann, das Buch immer wieder lesen muss, bis ich es in- und auswendig kenne.

Zu dumm, dass ich den Inhalt schon daher beten kann, bevor die erste Zeile auf Papier steht. Auch über die Figuren weiß ich mehr, als alle Leser zusammen jemals erfahren werden. Noch vor dem Druck kommen die tollen Erkenntnisse mir abgenutzt vor. Auch die Geheimnisse in dem Buch wirken in meinen Augen alles andere als geheimnisvoll. Schließlich wusste ich das alles schon beim Plotten.

Nun drängt der Verlag und langweilt mich mein Bestseller. Dreißig Seiten habe ich geschrieben, dreihundert sollen es werden. Die Langeweile nimmt zu, die Seitenzahl nicht. Jede einzelne Seite will ich auf Eis legen, ob mich das befreit? Den Verlag könnte ich vertrösten: Hier ein Interview, dort ein schickes Foto, ein paar Skandälchen gleich dazu. Spannend und geheimnisvoll werde ich sein, wie mein Bestseller.

Haiku – mehr als ein heiterer Vers

Als ich vor Jahren in einer Schreibwerkstatt mein erstes ‚Haiku‘ schreiben sollte, ahnte ich nicht, wie sehr diese japanischen Kurzgedichte mich mal beschäftigen würden. Mit Lyrik hatte ich nie was am Hut gehabt. Nun sollte ich einen besonderen Moment in drei Sätze mit insgesamt siebzehn wohlklingenden Silben packen. Und das auch noch möglichst einfach und konkret. Wie eine Kombination aus Kreuzworträtsel und Sudoku erschien mir die Übung. Was dabei herauskam, las ich lieber nicht vor. Während manch ein Haiku der anderen Kursteilnehmer mich verzauberte, kamen meine Zeilen mir gekünstelt, dumm und langweilig vor.

Schreib drei Zeilen,


siebzehn Silben insgesamt,


im Jetzt, einfach und konkret.

Als ‚Vers mit heiter skizzierter Pointe‘ übersetzte unsere Dozentin Petra Harzheim das japanische Wort ‚Haiku‘. Im 16. Jahrhundert sei es gemäß dem Sachwörterbuch der Literatur aus dem scherzhaften Kettengedicht hervorgegangen. „Eine andere Art von Humor als bei uns Europäern“, dachte ich, behielt es aber für mich. Ob heiter oder nicht, mich überzeugte die Erklärung, wie Haiku-Übungen unser Gefühl für Sprache trainieren: „Das Zählen von Silben zwingt uns ständig abzuwägen, welches Wort in seiner Bedeutung, seiner Länge und seinem Klang am besten in die jeweilige Zeile passt.“

Auf dem Heimweg ertappte ich mich dabei, Silben zählend die Fahrbahn, das Wetter und des Nachbars Katze in Haiku-Form zu pressen. Bevor ich mir später den Mantel auszog, hielt ich die Zeilen von unterwegs in meiner China-Kladde fest. „Was stehst du da im Flur?“, rief mein Mann aus der Küche, „Komm doch rein!“ Als Antwort las ich ihm mein Haiku vor:

Regenwolkengrau:


Straßen, Autos, Katzen.


Mein Tag: Himmelblau!

Was hatte ich erwartet? Nichts Anderes als diesen irritierten, mitleidigen Blick. Mein Haiku verzauberte niemanden, nur mich. Wobei mich mehr der Schaffensprozess als Klang und Inhalt des Haiku begeisterten. Bei meinen eigenen Haiku-Versuchen ist das heute noch so. Haiku schreibend kann ich mich prima entspannen und von Grübeleien ablenken – fast immer und fast überall: Während ich im Supermarkt an der Kasse oder im Regen auf den Bus warte, während eines Waldspaziergangs oder wenn ich abends nicht einschlafen kann. Ist weder Stift noch Notebook zur Hand, trainiere ich Haiku dichtend zusätzlich mein Gedächtnis.

Die Spinne

stürzt hinab
und schaukelt


am seidenen Faden.

Was mich bei fremden Haiku fasziniert, wurde mir bewusst, als die Monatsaufgabe der Online-Schreibwerkstatt Fiction-Writing vor anderthalb Jahren verlangte, ein eigenes Haiku zu schreiben und die meiner Mitschreiberlinge zu kommentieren. „Wie machen die das?“, fragte ich mich wieder, wenn Haiku-Zeilen in meinem Kopf nach hallten. Durch das Kommentieren dieser Haiku erkannte ich deren Gemeinsamkeiten. Zum Einen waren es für mich die Interpretationsspielräume und Diskussionen darüber, die ein Haiku ‚leuchten‘ ließen. Sie verleiten den Leser zu sinnieren, zu philosophieren und zu träumen. Manch ein Haiku wird so zum Spiegel der Seele. Zum Anderen war es dieser inhaltliche Bruch inmitten einiger Haiku. Dieser Holzweg, auf den man sich beim Lesen der ersten beiden Zeilen begibt, um nach der letzten Zeile wie ein Fragezeichen dazusitzen.

Knospen platzen auf,


entfalten Schönheit und Duft,


bleiben im OP …

Wer seine Haiku – statt sie in Schubladen zu sammeln – mit Anderen teilen will , findet im Internet vielfältige Möglichkeiten. Bei Haiku-heute wird monatlich eine Auswahl eingesandter Haiku ins Netz gestellt, wobei jeder Texte einreichen kann. Nicht nur im Internet, sondern auch in einer Vierteljahreszeitschrift und in Buchform können Mitglieder der Deutsche Haiku-Gesellschaft ihre schönsten Kurzgedichte veröffentlichen lassen. Ein reger Austausch von Haiku und deren Interpretationen findet in einer Vielzahl spezieller Online-Foren statt, wobei als Beispiel die Haiku-Werkstatt des Hamburger Haiku-Verlags genannt sei.

Auf den Homepages der genannten Organisationen wie an vielen weiteren Stellen im Web findet sich eine Fülle an Ratschlägen, wie man Haiku besonders gut oder besonders schlecht schreiben kann. Statt das alles zu wiederholen, halte ich hier nur die mir wichtigsten drei Punkte fest:

  1. Lockerung der Zeilen- und Silbenvorgabe. Bis um die Jahrtausendwende galt für deutsche Haiku wie im Japanischen die starre Vorgabe 5-7-5 Silben. Da aber siebzehn Japanische Lauteinheiten dem Informationsgehalt von zehn bis vierzehn deutschen Silben entsprechen, passt die strenge Vorgabe auf Dauer nicht zum hiesigen Sprach-Rythmus. Deshalb hat es sich beim Großteil der geübten Haiku-Fans eingebürgert, ohne Verlust des Gedankengangs oder des gezeigten Bildes mit weniger als siebzehn Silben auszukommen.
  2. Lockerung inhaltlicher Vorgaben. Klassische Haiku-Definitionen verlangen einen Bezug zu Natur und Jahreszeiten. Zwar bietet diese Vorgabe viele Möglichkeiten, zugleich begrenzt sie unnötig die Auswahl an Themen unserer Zeit. Für wichtiger als diesen Naturbezug halte ich die Festlegung von Haiku auf einfache Momentaufnahmen, die ohne Belehrungen und Erklärungen auskommen.
  3. Interpretationsspielräume. Dem Gütesiegel ‚Haiku‘ gehorchen offene Texte, die für die Leser inhaltlich nachvollziehbar sind, obwohl sie nicht alles benennen und erklären und erst recht nicht werten und kommentieren. Die Leser sollen den Zusammenhang zwischen verschiedenen konkreten Bildern desselben Haikus selbst herstellen und den Text durch eigene Gedanken und Assoziationen vervollständigen können – so entfaltet das Haiku sich im Leser und ‚leuchtet‘.

Ratschläge für besonders heitere oder gar lustige Verse sind mir leider noch nicht begegnet. Dafür habe ich bei meinen Recherchen heute endlich mal über ein Haiku lachen können:

Zooausbruch bei Nacht

Über den Zebrastreifen


schreitet ein Löwe


Bücher mit und über Haiku gibt es wie Sand am Meer. Belletristische Bücher, in denen Haiku eine besondere Rolle spielen, habe ich bisher aber nur zwei gefunden: In seinem Thriller „Stimmen der Angst“ spielt Bestseller-Autor Dean Koontz sehr lesenswert mit Sprache und ‚mörderischen Haiku‘. Mehr was für ‚Schöngeister‘ scheint laut Amazon-Kundenrezensionen Denis Thériaults Liebesroman „Siebzehn Silben für die Ewigkeit“ zu sein – bin gespannt …